Adi Hütter - Auf dem Weg zum Heldenstatus in Bern

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In einigen Wochen wird Adi Hütter in Bern einen Heldenstatus auf Lebenszeit innehaben. Ein Vorarlberger musste kommen, um den 1898 gegründeten Traditionsklub Young Boys zum ersten Meistertitel seit 1986, wahrscheinlich auch zum ersten Cupsieg seit 1987 und damit zum ersten Double seit 1958 zu führen. Der Schweizer Blick gratulierte ihm bereits am 11. März zum Titelgewinn. Bei damals 17 Punkten Vorsprung für die letzten elf Runden ein überschaubares ?Risiko?.


alles fußball? von Peter Linden

Mit Peter Stöger und Borussia Dortmund verbinden Hütter und Young Boys die Vereinsfarben Gelb-Schwarz. Aber Stöger wird in dieser Saison kein Double gewinnen. Das schaffte vor Hütter nur ein österreichischer Trainer im Ausland: Der legendäre Ernst Happel mit Feyenoord Rotterdam 1969 und dem FC Brügge 1977. Lang, lang ist's her.

"Der Vergleich ehrt mich", sagt der 48-jährige Vorarlberger dankbar. Große Töne zu spucken war noch nie seine Welt. Egal was ihm als Spieler und später als Trainer auch gelang, er blieb immer geerdet. Drei Mal Meister war er als Mittelfeldspieler mit Austria Salzburg, 1994 gehörte er zur Mannschaft von Otto "Maximal" Baric, die bis ins Finale des UEFA-Cups gegen Inter Mailand gekommen war, danach auch die Qualifikation zur Champions League geschafft hatte. 14 Mal trug er Österreichs Teamdress. Erst mit 37 beendete er wegen permanenter Achillessehnenbeschwerden die aktive Karriere, ein Jahr später begann die Trainerlaufbahn. "Erfolgreich ist man erst, wenn man über einen längeren Zeitraum, so um die acht Jahre, gut gearbeitet hat. Ich denke, mir ist das gelungen", so Hütter. 

Kein Mann der Kompromisse

Für ihn gehörte da auch die Zeit bei seinem Ex-Klub Altach dazu, auch wenn es nicht mit dem Aufstieg klappte. Auf ihn richtig aufmerksam wurde man erst, als er den Dorfverein Grödig in die Bundesliga führte, dort auf Anhieb sensationell Platz drei holte, die Qualifikation für die Europa League schaffte. Daher holte ihn Red Bull Salzburgs Sportchef Ralf Rangnick, als er einen Nachfolger für den nach Leverkusen gewechselten Meistertrainer Roger Schmidt suchte. In der Zeit lernte Hütter den derzeit so erfolgreichen Marco Rose kennen, der damals die U 16 trainierte und Hütter angenehmst auffiel: "Ein Querdenker und kein Jasager!" Das sind Dinge, die Hütter schätzt. Bis auf die Qualifikation zur Champions League gegen Malmö nach dem Skandal um den nunmehrigen Liverpool-Star Sadio Mane, der als erster Fußballer seine Freigabe erpresste, klappte es in Salzburg sehr gut: Das erste Double!

Doch dann der große Knall: Es soll ja Trainer geben, die sich im Glanze des Erfolgs lange und gerne sonnen. Nicht so Hütter. Er trat zurück: "Ich will nicht nachtreten, bin dankbar für die Gelegenheit, die mir damals geboten wurde, etwas Neues kennenzulernen, mich weiterzuentwickeln, aber es hat nicht gepasst. Ich wollte mich weder morgens in den Spiegel schauen können." Es waren zu viele Kompromisse, die er zwischen seinen Ideen und den "Befehlen" des übergeordneten Sportchefs Rangnick eingehen musste, für den Pressing und schnelles Umschalten die einzigen Mittel zum Erfolg waren. Der mit seinem Mentor Helmut Groß sogar einen Aufpasser bei Trainings sitzen hatte, der mit der Stoppuhr kontrollierte, wie lange es dauerte, bis nach der Balleroberung der Konter beendet wurde. Das wollte Hütter nicht mehr mitmachen. Daher die Trennung in beiderseitigem Einvernehmen, wie es so schön hieß. Hütter gönnte sich lieber einen Urlaub, den er nach sieben aufreibenden Jahren auf der Bank ohnehin brauchte.

Von ganz unten nach oben

Nach drei Monaten brachte sein Berater Christian Sand ein Angebot von Young Boys Bern. Ein Traditionsklub, der sportlich am Boden lag, am Tabellenende herumkrebste, weit hinter den Erwartungen blieb. Das reizte Hütter, er sagte zu. Damals beschäftigten die zehn Klubs der Schweizer Super League sechs Trainer aus dem Ausland. Drei Jahre später gibt's nur noch einen, nämlich Hütter. Das spricht für ihn, macht ihn auch stolz. Er schaffte zwei Mal Platz zwei hinter dem Abonnementmeister FC Basel, führte Young Boys zweimal in die Gruppenphase der Europa League. In der Qualifikation zur Champions League gelang es einmal, als Außenseiter Schachtar Donezk zu eliminieren.

"Es ist schwerer, mit Young Boys Meister zu werden als mit Salzburg", sagt Hütter. Denn Red Bull dominiere in Österreich, in der Schweiz bis zu dieser Saison der FC  Basel. Ihn zu stürzen bedeute eine Riesenleistung, sei etwas ganz Besonderes. Bei der Frage, ob er ein anderer Trainer sei als vor drei Jahren in Salzburg, braucht er nicht lange nachzudenken: "Es wäre schlimm, wenn ich mich nicht in der Zeit weiterentwickelt hätte. Ich habe mehr Erfahrung, damit auch mehr Überblick und Gelassenheit." Auf Freunde aus früheren Tagen hat er nicht vergessen. So war Didi Kühbauer Anfang März eine Woche lang sein Gast in Bern.

Treue wichtiger als Geld

Bis 13. September 2016 arbeitete er in Bern mit Rapids nunmehrigem Sportchef Fredy Bickel gut zusammen, danach auch mit Nachfolger Christoph Spycher. Der ließ Hütter die Mannschaft nach seinen Vorstellungen umbauen und verjüngen, redet nicht bei der Spielanlage drein. Das zählt bei Hütter. Und das vergaß er nicht, als letzten Herbst andere Angebote kamen. Vom neuen ÖFB-Sportchef Peter Schöttel, Teamchef in der Heimat zu werden. Das kam ihm noch zu früh. In der deutschen Bundesliga hätte er bei Werder Bremen einsteigen können. Das hätte ein besseres Gehalt bedeutet. Aber Geld ist für Hütter nicht alles. Darum tauschte er nicht Platz eins mit damals sechs Punkten Vorsprung gegen den deutschen Abstiegskampf: "Der eingeschlagene Weg ist noch nicht beendet" sagte er und bewies seinen außerordentlichen Charakter. Verlängerte den Vertrag vorzeitig bis 2019.

Ziel Champions League

Jetzt steht er mit seinem steirischen Assistenten Christian Peintinger, der in Ernst Happels Ära beim FC Swarovski Tirol gespielt hatte, vor der Krönung. Heldenstatus in Bern, ein Highlight der Karriere. Hütter denkt nicht daran, die Euphorie im Berner Land zu bremsen, aber trotzdem schon weiter. An die Bestätigung als Nummer eins, da der FC Basel sicher auf die Entthronung mit einem Aufrüsten reagieren wird. Und er damit rechnen muss, dass aus England und Deutschland lukrative Angebote für die Stars seiner Meistertruppe kommen werden. Aber da hat er schon Ideen. Im dritten Anlauf will er in die Champions League kommen. An seinem Leitsatz wird sich nichts ändern: Je mehr Stabilität, je weniger Tore man kassiert, desto größer werden die Erfolgschancen.

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