Anleitung zur Unvernunft

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Unvernünftig sein, das kann sehr viel Spaß machen. Und es tut einem auch gut. Warum? Eine Erklärung.


Text: Lauren Seywald

Pure Freiheit. Die Anspannungen fallen ab. Der Gang richtet sich auf. Der Handlungsspielraum nimmt neue Ausmaße an. Die Gesichtszüge lockern sich. Die Augen gehen auf und beginnen zu strahlen. Der ganze Körper erwacht. Freude breitet sich aus. Probleme lösen sich in Luft auf. Lebendigkeit, sie entsteht, wenn wir uns von den Seilen, die uns bändigen, losreißen und einfach ohne Zwang und viel Nachdenken leben. Wenn wir einen Moment auf die erlernte Vernunft verzichten.

In der Philosophie unterscheidet man zwischen Verstand und Vernunft. Sie steuern sich gegenseitig. Auf der einen Seite steht der Verstand, feststellend, festlegend und definiert - wie die Wissenschaft. Das Gegengewicht schafft die Vernunft. Oder, noch besser, die Unvernunft. Sie hinterfragt, zeigt Grenzen auf und fordert damit ihren Gegenspieler immer wieder dazu heraus, umzudenken. Starre Denkmuster des Verstandes brechen auf. Jene Muster, die sich im Laufe des Lebens aus Regeln und Normen, vermittelt durch die Gesellschaft, bilden. Dem entgegenzutreten braucht zwar Überwindung, aber der Preis ist es wert. Grenzenlose Lebendigkeit und Freiheit.

Andrea Latritsch-Karlbauer hat darüber ein Buch geschrieben, Es lebe die Unvernunft!. Dabei darf man das Wort nicht falsch verstehen. Es geht hier nicht um Straftaten oder darum, Menschen Schaden zuzufügen. Ganz im Gegenteil, die Devise ist, aus dem Winterschlaf der Gewohnheiten aufzuwachen. Dinge tun, die man immer schon ausprobieren wollte. Endlich dem folgen, was man wirklich will. Sich selbst überwinden. Jeder Mensch hat Träume, die im Grau des Alltags verblassen. Doch die bekommen nun
neue Farbe.

Da wäre zum Beispiel das alte Ehepaar, das seit 40 Jahren nur per Autostopp durch die Welt reist. Ungezwungen. Wider jeden Verstandes. Es wäre so leicht und vernünftig, sich ein Flugticket zu kaufen und zur gewünschten Destination zu fliegen. Doch dann würde man die wunderbaren Bekanntschaften, die vielen Geschichten und die gemeinsamen Erlebnisse verpassen. "Es war die Mühe immer wert", sagt Herr Lehmann im Buch.

Das heißt jetzt nicht, dass jeder nur noch per Autostopp durch die Welt reisen muss. Vielmehr soll es anregen, unkonventionell zu denken. Neues auszuprobieren. Spontanen Impulsen nachzugehen. Das kann ein Töpferkurs, ein Wochenende auf einer Alm, ein neues Hobby, ein Seminar über Lebendigkeit oder ein spontaner Sprung in den See sein. Hauptsache, man durchbricht gewohnte Muster. Wer auf sein Bauchgefühl hört, wird selten enttäuscht, schreibt Latritsch-Karlbauer.

Die neu gewonnene Freiheit hilft auch im Alltag. Man lässt sich nicht so schnell aus der Bahn werfen, wenn einmal etwas nicht klappt. Kann schneller reagieren bei spontanen Zwischenfällen. Man denkt über Grenzen hinaus. Bleibt man starr in seiner kleinen Welt, wird sie immer kleiner. Der Handlungsspielraum schrumpft. Veränderung wird zur Gefahr. Es braucht immens viel Kraft, sich an Neues zu gewöhnen. Läuft man mit einem Tunnelblick durchs Leben, verpasst man viel. Ödön von Horváth hat eine sehr passende Schlussfolgerung dazu formuliert: "Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komme nicht dazu."

Also los, leben Sie Ihre Leidenschaften, Träume und Intuitionen aus. Denken Sie nur an die einprägsamsten und schönsten Erlebnisse zurück. Lassen Sie die Erinnerung aufsteigen. Rufen Sie sie sich vor das innere Auge. Merken Sie, wie sich ein Schmunzeln in ihrem Gesicht ausbreitet. Die Körperhaltung ändert sich automatisch. Lockerheit macht sich breit. Oft hat man Momente im Kopf, in denen man im Sinne der Unvernunft gehandelt hat. Man denke nur an die Jugend zurück. Momente der Lebendigkeit.

Das Gefühl kann man sich beibehalten. Schon kurze Körperübungen geben wieder neuen Schwung. Zum Beispiel die Hüfte zu kreisen. Dort sitzt das Energiezen-trum, das Dantien, drei Finger unter dem Nabel. Je lockerer ein Mensch in der Hüfte ist, desto lebendiger fühlt er sich und strahlt das auch aus. Probieren Sie es ruhig aus. Probieren Sie am besten alles aus. Immer wieder. Dann werden Sie auf ein spannendes und glückliches Leben zurückblicken können, gewürzt mit ein paar Unvernünftigkeiten.

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