Brutal und beliebt: Philippiniens Präsident Duterte

Foto: PCOO EDP
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Die veröffentlichte Meinung in Europa verbreitet Entsetzen darüber, dass seit mehr als einem Jahr auf den Philippinen Rodrigo Duterte die Geschicke des Landes lenkt. Denn sein Führungsstil ist brutal, selbstbewusst und im Volk beliebt. Der Historiker Helmut Neuhold beleuchtet darüber hinaus auch die Geschichte des Inselstaates in Südostasien.


Text: Helmut Neuhold

Bis vor kurzem war der aus tausenden Inseln bestehende Staat nur für seine korrupte Oberschicht, die moslemischen Rebellen in Mindanao, beeindruckende Naturschönheiten und die vielen Philippinos bekannt gewesen, die in der ganzen Welt herumwuseln. Doch nun sorgt ein hemdsärmeliger Mann mit brutalen Zitaten und Handlungen für Aufsehen.

Als sich der amerikanische Botschafter in die Angelegenheiten seines Landes einmischte, erklärte Duterte, dass er mit dem "schwulen Botschafter, diesem Hurensohn" im Streit liege. "Ich bin von ihm angepisst." Nicht anders erging es Ex-US-Präsident Barack Obama und Papst Franziskus: Auch sie bezeichnete Duterte jeweils als "Hurensohn".

Duterte rief zum Amtsantritt im Mai 2016 den "Krieg gegen die Drogen" aus. Tausende Dealer, Süchtige und auch Unschuldige sind seither laut internationalen Beobachtern abseits der Rechtsprechung getötet worden.

Das tut Dutertes Zustimmung im Volk keinen Abbruch - ganz im Gegenteil: Seine Zustimmungswerte liegen je nach Umfrage bei 75 bis über 80 Prozent.

 500 Jahre Kolonialgeschichte

Die philippinische Geschichte war immer sehr personenbezogen und weist eine Anzahl eigenwilliger und starker Persönlichkeiten auf. Schon der erste philippinische Führer, der mit den Europäern zu tun hatte, schuf klare Verhältnisse. Als der im spanischen Auftrag reisende Weltumsegler Magellan im März 1521 die Philippinen erreichte, wollte er - wie üblich - das Land und die Menschen in spanischen Besitz nehmen. Viele Häuptlinge unterwarfen sich, doch Lapu-Lapu, der die Insel Mactan beherrschte, lehnte jede Art von Missionierung und Oberherrschaft ab.

Als Magellan und seine Spanier die Insel mit Gewalt unterwerfen wollten, kam es zu einem heftigen Gefecht, das dem großen Weltumsegler das Leben kostete. Danach leisteten auch andere philippinische Fürsten bewaffneten Widerstand und dezimierten die Spanier.

Der heutige Staat war in seiner vorkolonialen Epoche niemals eine Einheit. Es gab unterschiedliche Völker und Stämme, die in komplexen und oft wenig freundlichen Verhältnissen zueinander standen. Als die Spanier schließlich 1565 die Philippinen als Kolonie in Besitz nahmen, war der Widerstand nicht allzu groß.

 Katholische Kirche dominant

Während der über 300 Jahre, in denen die Philippinen spanische Kolonie waren, entstand die eigentliche gemeinsame Identität der meisten Völker des Inselreiches. Es war klar, dass die Spanier in erster Linie an der wirtschaftlichen Ausbeutung ihrer Kolonie interessiert waren. Wie in Mittel- und Südamerika war die Wirtschaft ziemlich feudal und alles wurde zentralisiert verwaltet. Die katholische Kirche spielte eine dominante Rolle, was noch heute im fanatischen Katholizismus vieler Philippinos, der selbst jenen der Polen in den Schatten stellt, beobachtet werden kann.

Von Acapulco in Mexiko aus segelten spanische Silbergaleonen nach Manila, um dort chinesisches Porzellan und Seide zu kaufen, nach denen die Europäer fast süchtig waren. Das funktionierte bis zur Unabhängigkeit Mexikos Anfang des 19. Jahrhunderts. Erst danach entwickelte sich eine eigenständige Wirtschaft, die rasch erfolgreich wurde und eine neue einheimische Elite hervorbrachte. Philippinos, die in Europa studiert hatten, brachten bald neue Ideen mit, und es entstand in der gebildeten Schicht der Wunsch nach Unabhängigkeit.

 Nationalheld mit Österreich-Bezug

Es hatte schon vorher Aufstände gegeben, doch nun wurde auch der Machtanspruch der Kirche in Frage gestellt und liberale Ideen machten sich breit. Auf Widerstand, wie die Cavite-Meuterei von 1872, reagierten die Spanier mit Repression und Exekutionen. Als zentrale Figur der Unabhängigkeitsbewegung kristallisierte sich in Folge José Rizal heraus, der unter anderem auch längere Zeit in Österreich lebte. Durch sein politisches Wirken und sein Buch "Noli me tangere" wurde Rizal nach seiner Hinrichtung 1896 zum Nationalhelden.

Im Philippinisch-Amerikanischen Krieg von 1899 bis 1902 kämpften die US-Truppen das Land brutal nieder, wobei 20 Prozent der Bevölkerung getötet wurden. Das war weitaus mehr, als die Spanier jemals auf dem Gewissen hatten. Ohne wirksame Hilfe von außen waren die Philippinos chancenlos, und die Überlebenden mussten sich in ihr Schicksal fügen. Die Amerikaner gestalteten in der Folge das Land nach ihrem Gutdünken um und kämpften auch den Widerstand im stets aufsässigen moslemischen Mindanao nieder. Es ging dabei natürlich in erster Linie um koloniale Ausbeutung.

 USA weiter einflussreich

1935 erhielten die Philippinen eine Art von Teilautonomie, waren aber weiterhin völlig abhängig. Als die Japaner 1942 die Philippinen angriffen und besetzten, konnten die Amerikaner nicht widerstehen und mussten kapitulieren. Während der japanischen Besetzung wurden auch etwa eine Million Menschen ermordet. Nach der Rückeroberung durch die Amerikaner erhielten die Philippinen endlich 1946 eine - eingeschränkte - Unabhängigkeit, da sie stark wirtschaftlich und militärisch vom ehemaligen "Mutterland" abhängig bleiben mussten.

Das äußerte sich auch in der Marcos-Diktatur von 1972 bis 1986, einer Zeit, der viele ältere Philippinos noch heute nachtrauern, da damals eine gewisse Ruhe im Land herrschte. Marcos wurde schließlich gestürzt und in der Folge kamen einige zwielichtige Persönlichkeiten an die Macht, wie Gloria Macapagal-Arroyo - eine Spezialistin für extreme Wahlfälschungen - oder Benigno Aquino III., als Vertreter eines großen Familienclans. Korruption, Vetternwirtschaft und gesellschaftliche Segregation spielten auf den Philippinen stets eine große Rolle. Dazu kamen die ausufernde Kriminalität und der permanente Kleinkrieg mit den islamistischen Religionskriegern, beziehungsweise den Separatisten in Mindanao.

 Neue Ära durch Duterte

Die Wahl des Bürgermeisters von Davao City, Rodrigo Duterte, zum Präsidenten am 9. Mai 2016, dürfte eine neue Ära auf den Philippinen eingeleitet haben. Duterte setzte um, was er angekündigt hatte. Drogenhändler und Süchtige werden nun brutalst bekämpft, und er hat kein Verständnis für "gute Menschen", welche das Leben und Wohlergehen der Kriminellen über jenes ihrer Opfer stellen. Besonders aufgebracht hat seine Kritiker die Behauptung, dass sein Drogenkrieg Ähnlichkeiten mit dem Holocaust habe: "Hitler hat drei Millionen Juden massakriert. Nun, es gibt hier drei Millionen Drogenabhängige. Ich würde sie gerne abschlachten", so Duterte. Wenige Tage später entschuldigte er sich bei der jüdischen Gemeinde dafür.

 "Sind keine Kolonie"

Was ihn generell von anderen Staatschefs unterscheidet, ist sein selbstbewusstes Auftreten gegenüber dem Ausland: "Ich bin Präsident eines souveränen Staates und wir sind schon lange keine Kolonie mehr. Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig, außer dem philippinischen Volk."

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