Das Dominospiel des Palmöls

Foto: 123rf
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Viele haben davon gehört. Wenige wissen wirklich, was dahintersteckt. Hinter dem mittlerweile wichtigsten Rohstoff in der Lebensmittelindustrie. Palmöl. Hitzig diskutiert, verheerende Folgen. Es ist Zeit, einen Blick hinter die Kulissen der Palmöl-Industrie zu werfen. 


Text: Lauren Seywald

Kaum zu erkennen tarnt es sich im Kleingedruckten. Unschuldig versteckt es sich unter den anderen Angaben der Zutaten. Hinten auf der Packung von jedem zweiten Produkt im Supermarktregal. Gerne auch unter Decknamen. In 80 verschiedene kann es sich hüllen. Jeder Geheimagent ist leichter zu identifizieren. Aber es ist auch tödlicher als jeder 007. Das Palmöl oder Palmfett. Es zerstört jede Stunde 1.000 Hektar Regenwald. Hat sämtliche Unternehmen und Länder unterworfen. Und schleicht sich heimlich in die Produkte der Menschen ein. Doch das Versteckspiel hat jetzt ein Ende. Ein Blick auf einen Dominoeffekt sondergleichen.

Der Aufbau. Zu Beginn müssen die Dominosteinchen ausgewählt und aufgestellt werden. Dazu gehört erst einmal aussortieren. Und das erste Steinchen aufstellen. Jenes, das alle anderen zu Fall bringt. "Anfang des 21. Jahrhunderts hat man dem Menschen den Mythos in die Köpfe gestreut, dass tierisches Fett ungesund sei", erläutert Leo Steinbichler, Agrar- und Konsumentenschutzsprecher. Es soll dem Körper schaden (später mehr dazu). Neue "gesunde" Alternativen kamen auf den Markt. Das Tier wurde gegen die Pflanze getauscht. In der Wirtschaft spricht man von Marktverdrängung. Zum Beispiel der Ersatz von Butter durch andere pflanzliche Fette, wie von Soja, Raps, Kokos oder eben: Palm.

Die Ölpalme stammt ursprünglich aus Westafrika, wurde ab dem 20. Jahrhundert aber als Nutzpflanze in Südostasien angebaut. Die Palmen werden zwischen 20 und 30 Meter hoch und sind etwa 25 Jahre für die Landwirtschaft nützlich. Der Schatz der Pflanze liegt in den Früchten. Große, gelbrote Fruchtstände, die ab dem dritten Lebensjahr am Stamm wachsen. 25 bis 50 Kilo kann so ein Bündel wiegen, das per Hand geerntet werden muss. Innerhalb von 24 Stunden geht es dann in die Fabrik, wo der komplette Stand verarbeitet wird. Aus dem frischen Fruchtfleisch gewinnt man das rohe Palmöl (CPO - Crude Palm Oil), aus dem Kern das rohe Palmkernöl (CPKO) und der Rest der Ölfrucht wird meist zu Schrotmehl gemahlen - für Viehfutter.

Der Dominoeffekt. Das erste Steinchen ist gefunden und an den Anfang gestellt. Das Spiel hat schon begonnen. Die mächtigen Männer dieser Welt haben es bereits umgeworfen. Klack. Klack. Klack. Ein Stein nach dem anderen kippt um. Unaufhaltsam. Eine kleine Frucht löst ein gesellschaftliches Dilemma aus. Alles ist verbunden. Aspekte der Klimaerwärmung. Der korrupten Wirtschaft. Der Ausbeutung. Gesundheitlicher Probleme. Einer abhängigen Industrie. An all ihren Händen klebt das Öl der Palmfrucht.

Die Gründe sind schnell geklärt, warum genau dieser gemeinsame Nenner verbindet. Er ist ergiebig, billig, hat einen besonders hohen Mehrwert und ist universell einsatzbar. Die Frucht hat zum Ersten einen immensen Ertrag. Um die vier Tonnen Öl kann aus einem Hektar Plantage gewonnen werden. Acht Tonnen aus genetisch veränderten Pflanzen. Zum Vergleich: Raps, Kokos und Sonnenblumen haben einen Ertrag von ca. 0,7 Tonnen pro Hektar. Großes Angebot heißt kleiner Preis - erklärt Punkt zwei. Grund drei: hoher Mehrwert. Palmfette sind bei Zimmertemperatur hitze- und oxidationsstabil, wodurch es nicht künstlich gehärtet werden muss und keine gesundheitsschädlichen Transfettsäuren entstehen. Trotzdem bleibt es cremig und macht Produkte länger haltbar. Durch diese chemischen Eigenschaften ist es universell anwendbar. Von der Schokoladenpraline bis zur Tiefkühlpizza. Von bio bis vegan. Vom Frittierfett bis zur Kerze. Von der Hautcreme bis zum Lippenstift. Von Prestige- bis Billigmarken. Vom Glasreiniger bis zum Duschgel. Von der Heizenergie bis zum Biogas. Besonders letzteres erfährt gerade einen Boom. 40 Prozent des verbrauchten Palmöls steckte Deutschland in die energetische Nutzung. Bei Kosmetika und Reinigung ist nicht direkt das Palmfett der Zusatz, sondern die Tenside, die daraus gewonnen werden und in den Produkten stecken. (nähere Informationen bietet die WWF-Studie Auf der Ölspur www.wwf.at/palmoel )

Die Spielwiese. Wir befinden uns in Indonesien. Dort steht einer der letzten von drei Regenwäldern auf diesem Planeten. Er gilt als der artenreichste Urwald und ist der letzte Platz, wo Elefant, Nashorn, Orang-Utan und Tiger unter einem Palmendach leben. Über 80 Prozent des indonesischen Regenwaldes gehören jedoch der Geschichte an. Brandrodung für Plantagen. Ölpalm-Plantagen. Die sich über das Land erstrecken - weiter als das Auge reicht.
Die Bauern werden gezwungen, ihre Felder dafür zu verkaufen und wegzuziehen. Wehren sie sich, werden sie verhaftet oder Schlimmeres. Den restlichen kleinen Landwirtschaften wird das Wasser für die Bewässerung der Palm-Felder entzogen. Für einen Hungerlohn dürfen sie dafür auf den Plantagen arbeiten. Unter menschenunwürdigen Bedingungen, wie Amnesty International nun aufgedeckt hat. (Der Bericht findet sich auf: https://www.amnesty.at/de/menu13/artikel875/?tmp=true&use=tmpallowed ) Die Einheimischen - Männer, Frauen und auch Kinder - müssen die Fruchtstände unter immenser körperlicher Anstrengung ernten und verladen. Zusätzlich sprühen die Arbeiter Gifte gegen Schädlinge auf die Palmen - ohne Schutzkleidung. Das Pflanzenschutzmittel Glyphosat ist krebserregend. Dessen Rückstände befinden sich in unseren Produkten. In jedem zweiten im österreichischen Supermarktregal. Die Grenzwerte legen die Konzerne fest.
Neben der Zerstörung der Lebensräume für Tier und Mensch hat die Brandrodung einen zweiten, verheerenden Effekt: CO2. Nicht allein wegen des Rauchs, sondern wegen der Torfböden, auf denen der Regenwald wächst. Diese wertvollen Böden sind natürliche CO2-Speicher. Durch die Brände wird deren Kohlendioxid freigesetzt und steigt in die Atmosphäre auf. Tonnenweise Treib-hausgase. Willkommen beim Klimawandel. "2015 hat Indonesien durch Brandrodung mehr CO2 produziert als die gesamte US-amerikanische Indus-trie.", erklärt die einheimische Expertin in der Dokumentation Before The Flood. (Ein grandioser Film über die Klimaerwärmung von Leonardo DiCaprio: www.before-theflood.com ) Wochenlang haben die Rauchschwaden den Himmel verdeckt. Der Flugverkehr über Sumatra wurde eingestellt. Bereits als die Ökokatastrophe des 21. Jahrhunderts gesehen. Und es ist kein Ende in Sicht.

Der mächtige Mann. Das arme Land hat in seiner Natur die Goldgrube gefunden. Indonesien erzeugt 51 Prozent des weltweiten Palmöl-Bedarfs. Und will die Produktion bis 2020 noch verdoppeln. Ohne Rücksicht auf Verluste. Indonesien ist eines der korruptesten Länder dieser Erde, gesteuert von den Giganten der Wirtschaft. Von Nestlé, Unilever, Kellogg und wie sie alle heißen. Doch das Land steht nicht alleine. Malaysia ist der zweitgrößte Lieferant mit 36 Prozent. Der Raubbau endet auch nicht in Asien. Aktuell geht es in Afrika weiter. Die Umweltschutzorganisation Mighty (Washington DC) berichtet von massiven Rodungen in Gabun. Da in Asien der Regenwald knapp wird, stürzt man sich auf das nächste Land. Der Großhändler Olam verteidigt sich mit dem Argument, dass Wälder von einst gerodeten Flächen und Savannenböden herangezogen werden. Monokulturen zerstören trotzdem das Ökosystem. Und die Transparenz ist auch nicht gewährleistet.
"Insgesamt werden ca. 17 Millionen Hektar Fläche für den Anbau von Ölpalmen genutzt. Das entspricht zwei Mal der Fläche Österreichs", heißt es in der WWF-Studie. Und die Palmöl-Industrie vernichtet weiter die letzten naturbelassenen Fleckchen Erde.

Retten, was zu retten ist. Das Domino liegt. Die Kausalität hat gefruchtet. Die maßlose Gier nach Palm(kern)öl hat die ganze Welt gebrandmarkt. Jetzt heißt es Schadensbegrenzung vollziehen. Die NGOs ziehen die Großkonzerne auf die Anklagebank. Der WWF verweist auf das mitbegründete RSPO-Zertifikat. Ausgeschrieben heißt es: Round Table on Sustainable Palmoil. Sprich eine Organisation, die seit 2004 eine nachhaltige Produktion erreichen möchte. Nachhaltiges Palmöl. Grünfärberei rufen Kritiker. Zu wenig Transparenz. Keine klaren Zertifizierungen. Am Ende kommt doch wieder alles zusammen und der mächtige Mann lacht sich ins Fäustchen.
Denkanstöße gibt es allemal. Ein Umdenken der Wirtschaft, der Politik und des Konsumenten ist nötig. Qualität statt Quantität lautet die Devise. Eine klare Benennung auf den Produkten wäre ein erster Schritt. Und keine unschuldigen Begriffe wie "pflanzliches Fett", "pflanzliches Öl" oder 80 andere Begriffe verwenden. Sie klingen gesund, natürlich und harmlos. Und doch steckt überwiegend Palmfett drinnen. Deshalb gehört auch eine Mengenangabe auf das Etikett. Besonders bei dem Blick auf die Importzahlen. 1,8 Millionen Tonnen Palmöl hat alleine Deutschland 2013 importiert - Tendenz steigend. Die EU ist nach Indien der größte Importeur von Palmfetten. Schon der Transport ist eine immense Umweltbelastung.

Wie man es dreht und wendet Regionalität ist das Schlüsselwort. Die Rückkehr zum Anbau von heimischen Ölsaaten und die Verwendung von tierischen Fetten. "Der Körper ist für pflanzliche Fette nicht gemacht", so der Ernährungspsychologe Christian Putscher. Der Körper muss viel mehr Gallensalze bilden um solche Fette wasserlöslich bzw. verdaubar zu machen. Palmöl ist am härtesten und besonders unverträglich. Zusätzlich enthält es 43 Prozent Palmitinsäure, die den Cholesterinspiegel erhöht (Kokosfett noch mehr). Butter im Gegensatz besteht nicht aus reinem Fett, sondern auch aus Wasser, wodurch sie besser löslich ist. In den Mannerschnitten hat man früher beispielsweise Butter verwendet. Heutzutage musste sie den billigen Pflanzenfetten weichen. Palmfett macht übrigens auch fett, klärt Putscher auf. Ein Grund, warum sich Fast Food, Knabbergebäck und Fertiggerichte besonders gern an der Hüfte anlegen.

Es liegt nun bei jedem Einzelnen, dem Wahnsinn Einhalt zu gebieten. Bewusstes Einkaufen heißt verarbeitete Produkte, Fast Food, Süßigkeiten und Fertigprodukte zu vermeiden. Also jene Lebensmittel, die sowieso ungesund sind. Jetzt gibt es halt einen weiteren Grund, selber zu kochen und regionale Produkte zu verarbeiten. So kann man einzelne Dominosteinchen wieder aufstellen. Und den vollbrachten Schaden zumindest teilweise eindämmen.

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