Mörderischer Gehorsam: Das Milgram-Experiment 2016

Foto: Michael Mairhofer
Foto: Michael Mairhofer

Würden Sie einen Menschen töten, wenn man es Ihnen befiehlt? Das nachgestellte Experiment zeigt auf, wozu der durchschnittliche Österreicher bereit ist: unter autoritärer Anweisung eine Person zu foltern - wider das eigene Gewissen. Text: Lauren Seywald




Das Böse nähert sich stets verhüllt und unscheinbar. Ohne Vorwarnung. Es zeigt sich erst, wenn es zu spät ist. Niemand hätte damit gerechnet. Niemand hätte es sich zugetraut. Einen Menschen zu töten. "Ich habe doch nur meine Pflicht getan", so K. A. Eichmann 1961. Das war seine Verteidigung für die Gräueltaten, die er als NS-Oberhaupt begangen hatte. Im bekannten Eichmann-Prozess beteuerte er, Opfer von Befehlen gewesen zu sein. Unschuldig. Obwohl an seinen Händen das Blut von Millionen Juden klebte. 1962 wurde er hingerichtet.

Eichmann war eine "erschreckend normale Person", wie es Hannah Arendt in ihrem Buch ("Eichmann in Jerusalem") beschrieb. Ein durchschnittlicher Bürger. Vor der Banalität des Bösen ist keiner sicher.

Das bewies unter anderem Stanley Milgram in den Sechzigerjahren. Mit seinem Experiment an der psychologischen Fakultät der Yale-Universität. Er untersuchte das Ausmaß der individuellen Gehorsamkeit gegenüber einer Autorität. Ausschlaggebend waren Menschen wie Eichmann. NS-Anhänger. Normale Menschen, die eines der größten Verbrechen an der Menschheit begingen. Es war die Zeit, in der Dinge passierten, die keiner für möglich gehalten hätte. Das Dritte Reich hat die Welt erschüttert. Wie konnte das passieren? Milgram wollte es herausfinden. Seine Kernfrage lautete: Wie lange unterwirft sich ein Proband den Anweisungen des Versuchsleiters, die gegen sein moralisches Verständnis gehen, bevor er sich weigert, die Handlung weiter auszuführen. Die Antwort: sehr lange. Ja sogar lange genug, um eine Person zu töten. Damals waren es 65 Prozent, die bis zum Maximum gingen. Damals und auch heute noch.

Wien. Labor Alsergrund, am 15. Mai 2016. Sechzehn Probanden folgen einem Inserat, das wie folgt lautet: "Wir suchen Personen, die an unserem Lernexperiment teilnehmen möchten. Jeder Teilnehmer bekommt eine Aufwandsentschädigung von 20 Euro für eine Stunde." Es waren durchschnittliche B?rger, M?nner wie Frauen, Arbeiter wie Akademiker, Jung und Alt. Ein repr?sentativer Querschnitt der Österreicher. Doch sie alle waren Versuchspersonen. Wie damals in Amerika.

Für das Milgram-Experiment sind drei Personen essenziell. Erstens der Versuchsleiter, in unserem Fall ein gespielter Neurologe namens Dr. Roger. Er vermittelt die Autorität. Die anderen Personen interagieren in Form von "Lehrer" und "Schüler" miteinander. Den Lehrer übernimmt der Proband. Den Schüler verkörpert ein zweiter Schauspieler. "Wir wissen noch nicht viel über den Zusammenhang zwischen Bestrafung und Lernen", erklärt der angebliche Neurologe den beiden Personen. Ein Experiment soll mehr Aufschluss geben. "Gibt es Präferenzen, welche Rolle Sie übernehmen wollen?" Der zweite Eingeweihte würde gerne den Schüler übernehmen. Kein Einwand.

Wie im Original wird der Schüler an ein Ger?t geh?ngt, das angeblich Stromschläge abgibt. Ausgelöst durch ein Programm auf einem Laptop. Es wird versichert, dass keine dauerhaften physischen Schäden davon entstehen. Die Aufgabe der wahren Versuchsperson ist es, Wortpaare vorzulesen bzw. abzufragen. Die essenzielle Handlung ist die Bestrafung. Für jede falsche Antwort verabreicht der Lehrer dem Schüler einen Elektroschock. Mit jedem Fehler wird die Volt-Anzahl erh?ht. Räumlich getrennt gibt es nur eine akustische Rückkopplung zwischen den beiden Personen. Diese äußert sich, abhängig von den abgegeben Volt, in Schreien, Hilferufen bis hin zu qualvollem Brüllen und schlussendlichem Schweigen.

Von dem ahnt die Studentin aber noch nichts. Sie hört dem angeblichen Arzt aufmerksam zu. Es ist alles geklärt, und sie beginnt die Wortpaare langsam vorzulesen. "Blauer Hund, ruhiges Pferd, schnelle Katze, gelbe Maus. Die Antwortm?glichkeiten f?r Hund lauten: 1. rot 2. gelb 3. grün 4. blau." Sie ist bedacht darauf, alles richtig zu machen. Mittels eines eigens entwickelten Softwareprogramms ersetzt es den Stromkasten und die Antwort-Tasten von Milgrams Versuchsreihe. Der Lehrer hat die Zahlen eins bis vier vor sich auf dem Bildschirm und eine Skala für die Volt. Die 4 leuchtet auf dem Computer auf. "Richtig", sagt die junge Dame und freut sich. Nach ein paar korrekten Antworten seitens des Sch?lers der erste Fehler. Wie angewiesen fährt sie den ersten Stromstoß aus. "Falsch, ich bestrafe Sie mit 15 Volt." Die Skala geht bis 450 Volt - Lebensgefahr. Und weiter gehts. "Bonbon: 1. Dilemma 2. Streit 3. Ball 4. Fall." Wieder eine falsche Antwort. Mittlerweile sind es 75 Volt, die abgegeben werden. "Au!", ruft der Schauspieler im anderen Raum. Ein erstes Aufsehen. "Machen Sie weiter", fordert sie die Autoritätsperson auf. Je l?nger es geht, umso mehr Unbehagen macht sich bei der Unwissenden breit. Mit jedem Schrei trommelt der Fuß schneller gegen den Labor-Tisch. "Was haben diese Wortpaare überhaupt für einen Sinn?", fragt sie. "Die sind wichtig, um den Lerneffekt zu prüfen. Bitte fahren Sie fort." Na gut, mach ma halt noch eines. 375 Volt.

Gehorsam ist f?r eine Gesellschaft und ihr System notwendig. Ansonsten w?rde die Welt in Chaos ausbrechen. Das Kind wird dazu erzogen, auf die Eltern zu h?ren, sp?ter auf den Lehrer und den Chef. Man befolgt Pr?fungsanweisungen und Stra?enregeln. Doch Gef?gigkeit hat auch eine dunkle Seite. Die Grenze zwischen n?tigem Folgen und unmenschlicher Unterwerfung ist schmal und oft verschwommen. Es ist wohl die Aufgabe eines jeden Einzelnen, das ?berschreiten dieser Grenze zu erkennen. Und dagegen zu handeln. Die Studentin h?lt das Br?llen nicht mehr aus. "Ich m?chte abbrechen." Der Sch?ler w?re allerdings schon tot.

Als sie erf?hrt, dass sie gerade die Replikation des Milgram-Experiments durchgemacht hat, ist sie erleichtert und erstaunt. "Hab schon davon geh?rt. Aber ich habe trotzdem mitgemacht. Das ?berrascht mich." Nicht nur sie. Es ist erstaunlich, wie einfach sich ein so ber?hmtes Experiment wiederholen l?sst. Ohne dass jemand misstrauisch wird. Obwohl es doch fast jeder Sch?ler oder Student zumindest einmal im Psychologieunterricht geh?rt hat. Obwohl es unz?hlige Publikationen gibt und es sogar Filme und Serien behandeln. Doch der Mensch ist in dem Moment gefangen. "Das Experiment erfordert, dass Sie weitermachen." Die Person im Arztkittel l?sst keinen Zweifel an ihrer Autorit?t aufkommen. "Gleich haben wir es geschafft, h?rst du", ermutigt der junge Mann. "Er antwortet nicht mehr! - Das gilt als falsche Antwort." Der Proband gibt einen Stromsto? von 405 Volt ab. Gewissensbisse nagen an ihm. Wieder keine Antwort. Auf der Skala erscheint das Wort "Lebensgefahr" "Es tut mir leid, ich kann nicht mehr weitermachen." Der Biologie-Student ist fertig mit den Nerven. Doch das moralische Verst?ndnis hat mit dem rot geschriebenen Wort ?berhandgenommen. Die Grenze des Gehorsams ist damit erreicht.

Die ist beim n?chsten Probanden auch bei 450 Volt nicht erreicht. Ohne Augenzucken geht er bis zum Maximum. "Ich wollte sehen, wo das hinf?hrt." Dass ab 390 Volt keine Antwort mehr kam, st?rte ihn nicht. "Ist Ihnen bewusst, dass sie gerade jemanden umgebracht haben?" - "Ach, ich vertraue Ihnen schon, dass dem anderen nichts passiert." Das eigene Schuldbewusstsein ?bergibt er damit der Autorit?t im wei?en Mantel. Es fehlt die Einsicht in die eigene Verantwortung.

Auch die Dame mittleren Alters scheint ihre Handlungen nicht ernst zu nehmen. "Ach, das Ganze war doch eh nur ein Schm?h. Ich traue Ihnen nicht zu, dass Sie jemanden umbringen." Ein ?bertriebenes Lachen unterstreicht ihr Zweifeln. Es bleibt die Ungewissheit, wie sie in Realit?t gehandelt h?tte. Die Menschen meinen alles zu wissen und handeln doch dagegen.

Stanley Milgram schrieb dazu: "Ganz gew?hnliche Menschen, die nur schlicht ihre Aufgabe erf?llen und keinerlei pers?nliche Feindseligkeit empfinden, k?nnen zu Handlungen in einem grausigen Vernichtungsprozess veranlasst werden. Schlimmer noch: Selbst wenn ihnen die zerst?rerischen Folgen ihres Handelns vor Augen gef?hrt und klar bewusst gemacht werden und wenn man ihnen dann sagt, sie sollen Handlungen ausf?hren, die in krassem Widerspruch stehen zu ihren moralischen Grund?berzeugungen, so verf?gen doch nur vereinzelte Menschen ?ber gen?gend Standfestigkeit, um der Autorit?t wirksam Widerstand entgegenzusetzen."

Wer diese Standfestigkeit besitzt, soll in solchen Extremsituationen aufgezeigt werden. Hier zeigen sich die Charaktere. Und es zeigen sich auch die Helden. Menschen, die ihren Verstand einsetzen und sich widersetzen. Die Angestellte erreicht die 60-Volt-Marke. Der Sch?ler hat bisher noch keinen Ton von Unbehagen von sich gegeben. Sie macht wieder einen Fehler. "Ich will ihn nicht h?her bestrafen." - "Es ist aber erforderlich." - "Dann mache ich nicht mehr weiter!" Die Frau l?sst sich von den Worten des gespielten Neurologen nicht verunsichern. Entschlossen bricht sie das Experiment ab. Es stellt sich heraus, dass sie eine sehr engagierte Person ist, die schon vieles erlebt hat. "Ich halte trotzdem nicht die Gosche!" Gut so. Besonders in der heutigen Zeit. In der doch so viele glauben, dass sich die Vergangenheit nicht wiederholen kann. Dass Menschen aus ihren Fehlern gelernt haben. Dem Experiment nach zu urteilen, ist das nicht der Fall. Denn das B?se lauert ?berall. Und meistens genau dort, wo man es am wenigsten erwartet. Zum Beispiel in einem kleinem Labor im neunten Wiener Gemeindebezirk.

Die Statistik

16 Probanden
1: kannte das Experiment
1: weigerte sich, als Bestrafung Strom einzusetzen
1: ging bis 60 Volt
2: bis 240 Volt
4: bis 360 Volt
1: bis 375 Volt
2: bis 405 Volt
4: bis 450 Volt

Über 80 Prozent der Teilnehmer waren bereit, einen sehr starken bis tödlichen Stromstoß als Bestrafung zu verabreichen.

Das Exzerpt vom originalen Milgram-Experiment gibt es unter:
http://citeseerx.ist.psu.edu/viewdoc/download?doi=10.1.1.424.795&rep=rep1&type=pdf

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