Der Ice Man

Foto: beigestellt

Extreme Höhe, extreme Tiefe, extreme Kälte. So ist es Dieter Preiß am liebsten, wenn er Marathon läuft. Besonders wohl fühlt sich der Waldviertler Extremsportler bei Eiseskälte. Am liebsten ist er in Sibirien. Jüngst verschlug es ihn aber zum 100-Meilen-Lauf ins Himalaya-Gebirge, wo eine Marathonstrecke gerade mal eine Tagesetappe ausmacht.


Text: Martina Bauer

Als wäre das Gesicht von einem Bienenschwarm umhüllt. Tausende kleine Stiche auf der Haut. So ist es, wenn man bei Minus 35 Grad im russischen Omsk zu laufen hat. Das ist kein Auszug aus einem Albtraum der sich in Sibirien abspielt. Das ist das Szenario vom kältesten Marathon der Erde. Wer sich das freiwillig antut, zählt wirklich zu den extremsten Extremsportlern. Dieter Preiß aus Pleissing ist so einer.

Dem 39-Jährigen kann es beim Laufen gar nicht zu kalt, zu hoch oder zu tief sein. Er hat drei der härtesten Marathon-strecken dieser Welt bewältigt. Gegen Ende des vergangenen Jahres absolvierte der Waldviertler den Himalaya-Lauf, bei dem ein Marathon nur eine Zwischenetappe war. 100 Meilen, also 161 Kilometer brachte Preiß in fünf Tagen hinter sich. "Ich will immer wissen was der Körper tut, wenn er einem Extrem ausgesetzt ist", so die Motivation des leidenschaftlichen Läufers.

Wie sein Körper auf fast 4.000 Höhenmetern reagierte, beschreibt Preiß so: "Da spürt man das Herz im Hals schlagen. Wenn man den Kopf nach links bewegt, überkommt einem starker Schwindel, weil bei der dünnen Luft der Gleichgewichtssinn außer Kontrolle gerät. Trotz minimalster Anstrengung." An Laufen ist da nicht mehr zu denken. Vor allem bei der ersten Etappe, wo die 35 Teilnehmer 2.000 Höhenmeter zurückgelegt haben. Zehn Schritte, stehenbleiben, wieder zehn Schritte, wieder stehenbleiben und nach Luft ringen - so bewegt man sich da fort.

Grenzwertig waren aber nicht nur die Bedingungen beim Lauf selbst, sondern auch in der Nacht. Die Menschen am Himalaya leben ganz einfach, in Hütten, ohne Heizung und ohne fließendes Wasser. Ein paar Minusgrade kann es da schon haben. Waschen oder gar duschen konnten sich die Teilnehmer in den fünf Tagen nicht. Das ist für einen gelernten Mitteleuropäer auch gewöhnungsbedürftig, verschwitzt mit langer Unterwäsche, drei Pullovern und einer Haube ins Bett zu gehen.

Das Panorama des Himalaya-Gebirges mit seinen imposanten Achttausendern entschädigt für so manches. Das bleibt in Erinnerung. Aber auch die unbeschreibliche Armut in Neu-Delhi, wo Preiß vor dem Lauf Station gemacht hat. Der Smog, das Chaos, die vielen Menschen und Tiere. Da ist das Leben im Waldviertel schon was anderes. Ein Privileg. Eine Erfahrung, die Preiß schon bei vielen Reisen gemacht hat. Darum initiierte er vor vier Jahren den Pleissinger Wunschlauf, bei dem mittlerweile 37.000 Euro für hilfsbedürftige Kinder erlaufen wurden. Wer dabei sein möchte: Der nächste Wunschlauf findet in diesem Jahr am
26. August statt.

Davor stehen für den Logistiker, der in einem Sägewerk arbeitet, noch ein paar Marathons in Mitteleuropa an. "Die sind aber nicht spektakulär, das ist das normale Programm. Ganz im Gegensatz zu den Läufen in Russland", sagt Preiß und dabei leuchten seine Augen. Verliebt hat er sich in das Land 2007 bei einer Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn. Eigentlich ein Traum seines Vaters, den sich der Sohn verwirklichte.

"Sibirien hat mich fasziniert und die Kälte liebe ich", erklärt Preiß den logischen Schritt, den er dann 2011 mit dem Marathon in Omsk gesetzt hat. 34 Grad unter Null. Für die meisten Menschen eine Horrorvorstellung, aber Preiß sagt: "Da hatten wir echt Glück. Danach hatten sie bei diesem Lauf meist nur um die Minus zehn Grad. Die haben wir daheim auch. Als ich gelaufen bin, war es der zweitkälteste Marathon der Geschichte." Das ist nicht so dahergesagt. Er meint das genau so und freut sich dabei wie ein kleines Kind.

Gleich im Jahr darauf ging es im März dann zum Marathon auf den Baikalsee. Das ist der tiefste See der Welt und er liegt ebenfalls in Russland. Ist er erst einmal zugefroren, wird er von Lastkraftwagen als Straße benützt. Belaufen wird er mit beweglichen Spikes an den Schuhen. Und es fühlt sich so an, als hätte man die auch im Gesicht.

"Nach dem Start glaubt man rund zehn Minuten, dass man in einem Bienenschwarm läuft. Das ganze Gesicht sticht. Dann hat sich der Körper daran gewöhnt", erzählt Preiß. Das Gute an dieser Temperatur: Man schwitzt nicht. Darum muss man auch kaum trinken, was ohnehin fast unmöglich ist. Zuerst ist der Tee zu heiß, dann gibt es ein ganz winziges Zeitfenster, in dem man ihn trinken kann. Sekunden später ist er ein Eisklumpen.

Ein Problem, das mickrig erscheint gegen jenes, das man bekommen kann, sollte man sich bei dem Lauf verletzen. Kilometerlang läuft man da nämlich alleine. Weit und breit war da keiner der 40 Mitläufer oder gar ein Streckenposten zu sehen. Nur der zugefrorene See und die Spuren am Eis. Was wäre, wenn was wäre - solche Gedanken darf man da gar nicht erst aufkommen lassen. "In Mitteleuropa so einen Lauf zu absolvieren wäre in Bezug auf Sicherheit völlig undenkbar", weiß Preiß, der aber ohnehin immer positiv denkt und sich nicht mit Worst-Case-
Szenarien beschäftigte. Es war ohnehin schon schwer genug, auf dem Eis die Balance zu halten. Konzentration war das Gebot der Stunde.

Zwei Jahre später, 2014, brach der Kälte-Liebhaber dann seinen eigenen Hitzerekord. Bei einem Untertage-Marathon in einem stillgelegten Salzbergwerk in Deutschland. 700 Meter unter Tag, rund 30 Grad. Plus, wohlgemerkt! Preiß wunderte sich, warum viele Läufer trotzdem langes Gewand anhatten. Schritt für Schritt offenbarte sich ihm die Antwort. Es gibt da kaum Luftfeuchtigkeit und das Salz frisst sich in die Haut. Das brennt richtig. Auch in der Kehle. Mehr als acht Liter hat der Sportler dabei auf den 42,195 Kilometern getrunken.

Man möchte meinen, dass es für so viele Extreme keine Steigerung mehr gibt. Aber Preiß hat noch ein Ziel. Es heißt Oimjakon, liegt im Osten von Russland und ist der kälteste bewohnte Ort der Erde. Im Winter hat es dort schon mal minus 50 Grad. Da kann man dann in eine Banane einen Nagel einschlagen. Warum nicht ... Wem's gefällt. "Ich möchte einfach wissen, wie es ist, bei so einer Temperatur draußen zu stehen. Ich will spüren, wie der Körper darauf reagiert", so Preiß, der dem Namen
Ice Man alle Ehre macht.

Man könnte meinen, er baut sich im Winter im Garten einen Iglu. Aber nein, beim Wohnen mag er es kuschelig. Wenn er auf der Couch vor dem Fernseher liegt, darf es gerne 22 Grad oder mehr haben. Kaum zu glauben. "Ich bin ein ganz normaler Mensch", sagt er. Wird schon stimmen.

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