Die Wirklichkeit ist nicht genug

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Real oder nicht. Das ist hier die Frage. Und die soll schon bald gar nicht mehr so leicht zu beantworten sein. Denn die Wirklichkeit und die digitale Welt verschmelzen miteinander. Augmented Reality machts möglich. Neu ist die Technologie nicht. Aber jetzt steht sie kurz vor dem Durchbruch.


Da, ein Pinguin. Gemütlich watschelt er vor einem her. Er dreht sich um. Schaut einen an. Und winkt mit der Flosse, als wolle er sagen: "Komm schon, hier geht's lang, wir sind gleich da." Dann bleibt er stehen. Und deutet auf den Kassenbereich des Tiergartens. Er neigt den Kopf nach vorne, als würde er sich verbeugen: "Bitte sehr, viel Spaß!" So ein freundlicher Pinguin, denkt man, bedankt sich höflich und fragt sich im nächsten Moment, warum man das getan hat. Denn nicht nur, dass man gerade mit einem Pinguin geredet hat, er ist noch nicht einmal real. Er ist ein digitaler Wegweiser, der nur in der erweiterten Realität existiert. Damit man die wahrnehmen kann, braucht man ein Smartphone oder eine spezielle Brille. Und etwas Zeit. Denn noch ist Augmented Reality (AR), auch Mixed Reality genannt, nicht in der breiten Öffentlichkeit angekommen. Lange kann es aber nicht mehr dauern.

Pokémon Go war nur der Anfang.

Bewaffnet mit ihren Smartphones machten sich im vergangenen Jahr unzählige junge Menschen in der realen Welt auf die Jagd nach digitalen Pokémons. Der Erfolg war so groß, dass Augmented Reality seitdem wieder hoch im Kurs und überall im Gespräch ist. Die Technologie, die es schon vorher gab, die aber kaum genutzt wurde, wäre das nächste große Ding, heißt es. Größer noch als Virtual Reality. Denn im Vergleich dazu blendet Augmented Reality die Wirklichkeit nicht aus, sondern bereichert sie mit digitalen Inhalten, computergenerierten Zusatzinformationen und virtuellen Objekten. Man kann sich das vorstellen wie Hologramme, die durch die Smartphone-Kamera oder durch eine AR-Brille um einen herum erscheinen. Mit denen man oft auch interagieren kann. Und die mittlerweile sogar teilweise fotorealistisch sind. Es ist fast so, als wären sie wirklich da.

Die Experten einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Plattform Digital Business Trends in Wien Ende Februar waren überzeugt: Die Geräte werden erschwinglich, zahlreiche neue Anwendungen zeigen das Potenzial der neuen Technologie. Noch unklar sei, ob der Durchbruch am Markt durch Unterhaltungsangebote erfolge oder doch durch hochqualitative Service-Anwendungen, meinte etwa Christine Antlanger-Winter von der Mediaagentur Mindshare. Sie glaubt an ersteres und nannte als Beispiel eben eine Anwendung, bei der virtuelle Pinguine den Weg von der U-Bahn in den Zoo weisen. "In Zukunft werden AR-Anwendungen an vielen Stellen zum Einsatz kommen und bisherige Abläufe und Prozesse verändern, wenn nicht sogar revolutionieren", meinte Franz Dornig von IBM Österreich. Und Annette Mossel von der Technischen Universität Wien erklärte: "Vom Vorbild eines Holodecks aus der Serie Star Trek sind wir noch ein bisschen entfernt. Wir sind ihm seit dem Hype vor ein paar Jahren aber schon ein gutes Stück nähergekommen." Was sich jetzt noch nach Science-Fiction anhört, ist also schon demnächst erweiterte Realität.

Die vielfältigen Möglichkeiten.

Augmented Reality kann und wird den Alltag entscheidend verändern, bereichern und oft auch erleichtern. Ein Beispiel: Man will eine neue Couch kaufen, kann sich aber nicht entscheiden: Welche passt am besten ins Wohnzimmer? Eine Augmented-Reality-App des Möbelhauses kann eine Vorschau jeder Couch digital und in 3D in das Wohnzimmer einfügen. Man kann sie hinstellen, wo man möchte, kann sie verschieben, drehen ... Ikea bietet das schon seit Jahren an. Und hat auch gezeigt, wie der Küchentisch im Jahre 2025 ausschauen könnte. Darüber befindet sich eine Kamera, die Mengen abmessen, Zutaten, Objekte und auch Bewegungen erkennen kann. Infos über die Lebensmittel, Rezeptvorschläge, Kochanleitungen, Temperatur und Kochzeit erscheinen dann auf dem Küchentisch oder auch direkt auf der Pfanne oder dem Topf. An einem projizierten Timer kann man sogar die Zubereitungszeit einstellen. Ein smarter, interaktiver Küchentisch also. Dank Augmented Reality.

Ein anderes Beispiel: Die Kaffeemaschine ist kaputt. Ein Blick durch die Kamera des Smartphones, schon erscheint eine schrittweise Anleitung zur Fehlerbehebung. Oder: Man spaziert durch eine unbekannte Stadt. Mit Augmented Reality werden Informationen zu den Sehenswürdigkeiten eingeblendet, während man sie betrachtet. Man kann sich aber auch den Weg zur nächsten Bar zeigen lassen. Oder: Man ist Arzt und muss jemanden operieren. Dabei kann man zuvor aufgenommene CT-Scans in Echtzeit über den Körper des Patienten legen und so die Wahrnehmung erweitern. Oder: Man verfolgt im Stadion ein Fußballspiel mit Augmented Reality. Über den Spielern erscheinen deren Namen, man kann Lebensläufe und Statistiken abrufen oder sich darüber informieren, wo die Notausgänge sind. Ohne etwas zu verpassen. In der Berufswelt oder im Privatleben, in der Wissenschaft oder im Marketing, in der Industrie oder auch beim Militär - die Möglichkeiten von Augmented Reality sind scheinbar unbegrenzt. Jeder kann von der Technologie profitieren. Deshalb ist das auch die Zukunft. Die nahe Zukunft.

Das Comeback eines Trends.

Zugegeben: Das hat man schon einmal gedacht. Augmented Reality-Apps sind seit Jahren erhältlich. Und vor Pokémon Go hat sich kaum jemand dafür interessiert. Auch die 2015 präsentierte Augmented Reality-Brille HoloLens von Microsoft war bisher nicht sehr erfolgreich. Was aber wohl daran liegt, dass sie in Deutschland erst seit November 2016 für alle erhältlich ist und mehr als 5.000 Euro kostet. Eine neue Brille von Microsoft soll erst 2019 folgen. Auch Google setzt auf Augmented Reality. Das Smartphone Lenovo Phab 2 Pro, das man um etwa 500 Euro bekommt, ist das erste der Welt mit Google Tango, einer Technologie, "die Gaming und Apps mit erweiterter Realität (Augmented Reality, AR) ausstattet. Wenn Sie durch das Phab 2 Pro blättern, sehen Sie Objekte und Informationen, die die reale Welt überlagern", heißt es auf der Webseite. Und weiter: "Sie können Objekte mit dem Smartphone abmessen. Oder Möbelstücke wie einen neuen Tisch oder ein Sofa visualisieren und sehen, wie sie im Raum wirken. Sie können auch einfach nur mit Ihrem virtuellen Haustier spielen." Und beim Mobile Congress in Barcelona haben die Deutsche Telekom und Zeiss verkündet, dass man beim Thema Augmented Reality kooperiert. "Ziel ist es, das Anwendungspotenzial und die Zukunft von Datenbrillen auszuloten und voranzutreiben", heißt es. Diese Datenbrillen sollen sich äußerlich übrigens kaum von normalen Brillen unterscheiden.

Der Apfel der Erkenntnis.

Ein Indikator dafür, dass eine Technologie revolutionär ist und demnächst wohl auch ausgereift und massentauglich sein wird, ist Apple. Und wie so oft könnte es das kalifornische Unternehmen sein, das eine Innovation unters Volk bringt. "Ich sehe Augmented Reality als eine genauso große Idee wie das Smartphone", sagte Tim Cook im Interview mit der Zeitung The Independent. Die Technik sei für jeden geeignet, während Virtual Reality, die ausschließlich auf synthetische Welten setzt, den Nutzer zu stark von der Realität abschotten würde. Überhaupt lässt der Apple-Chef kaum eine Gelegenheit aus, um von Augmented Reality zu schwärmen. So hat er damals auch über Smartwatches geredet, bevor die Apple Watch auf den Markt gekommen ist. In den vergangenen Monaten hat Apple außerdem zahlreiche Unternehmen und Know-how gekauft. Es könnte also sein, dass man an einer AR-Brille arbeitet. Wahrscheinlicher aber ist, dass das iPhone 8 für Augmented Reality gerüstet sein wird. Weil das Smartphone heuer seinen zehnten Geburtstag feiert, soll das neue Gerät wieder einmal ein wegweisendes sein.

Simona Jankowski von Goldman Sachs geht von einem signifikanten Innovationssprung aus und meint, das neue iPhone werde eine 3D-Sensorik aufweisen, die starke AR-Funktionen ermöglichen werde. Gerüchte machen die Runde, dass die Frontkamera Augmented Reality unterstützen soll. Und dass bei Apple 1.000 Entwickler an AR für das iPhone 8 arbeiten. Der Druck ist jedenfalls groß. Denn vom Jubiläums-iPhone erwartet man sich viel. Und unter der Leitung von Tim Cook hat Apple bisher kaum etwas entwickelt, das wirklich innovativ war. Man hatte fast den Eindruck, mit Steve Jobs wären auch die großen Visionen gestorben. Aber was sein Vorgänger so oft getan hat, könnte Tim Cook heuer zum ersten Mal machen. Er könnte "the next big thing" aus dem Hause Apple verkünden und damit eine technische Revolution einläuten. Und schon bald werden die Menschen ihre Realität erweitern, die Welt bevorzugt durch die Smartphone-Kamera oder eine AR-Brille betrachten und sich fragen, was überhaupt noch real ist.

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