Freie Bauern braucht das Land

Foto: Adobe Stock
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Über Jahrhunderte kämpften Bauern gegen Adel oder Kirche um ihre Freiheit ? und waren bei den Mächtigen gefürchtet. Heute gibt es so wenig Bauern wie noch nie und viele davon sehen keine Zukunft für ihren Betrieb. alles roger? hat mit drei aufmüpfigen Landwirten gesprochen. Sie versprühen eines, was ihrem Berufsstand und den Konsumenten nur guttun kann: den Geist der Freiheit.


Text: Klaus Faißner

Einem Land kann es nur gut gehen, wenn es den Bauern gut geht. Denn wir leben im wahrsten Sinne des Wortes von ihren Produkten. Doch die regionale und sichere Versorgung mit gesunden Lebensmitteln ist gefährdet wie noch nie, wenn man kritischen Landwirten zuhört.

"Es ist fünf vor zwölf", warnt Viehzüchter und Milchbauer Leo Steinbichler aus Regau am Attersee gegenüber alles roger?. Er war lange Zeit Obmann der Bezirksbauernkammer Vöcklabruck und saß für die ÖVP im Nationalrat, bis es 2007 zum Bruch kam, weil er die Landwirtschaftspolitik der Partei nicht mehr mittragen konnte. Viele Bauern wüssten nicht, wie es weitergeht, viele seien resignativ und knapp vor dem Aufgeben, sagt er. Es gelte schnell, aus dem Dilemma herauszukommen: "Wir müssen Bauern motivieren, dass sie die Produktion erhalten, denn wir sind von der Ernährungssouveränität schon weit weg." 

Es heiße zwar, dass Österreichs Bauern beim Rindfleisch 145 Prozent des Eigenbedarfs im Land erzeugen, aber die Gastronomie kaufe im Großhandel 80 Prozent aus dem Ausland. Beim Wild liege der Anteil aus dem Ausland bei fast 100 Prozent, bei Schweinen bei 60 Prozent. Von Überschüssen könne keine Rede sein, ganz im Gegenteil: "Es gibt keine Katastrophen- und Krisenvorsorge, doch Probleme können durch Wetterextreme und Mangel schneller schlagend werden als wir glauben."

 

Betriebsschließungen und Hamsterrad

Steinbichler weist darauf hin, dass derzeit täglich 20 österreichische Bauern ihren Betrieb zusperren und dieser Trend durch Abkommen wie CETA sogar beschleunigt werde. Die Lösung liege im genauen Gegenteil: der Regionalisierung. Doch gerade die Standesvertretung gehe in die völlig falsche Richtung, kritisiert er (siehe Kasten). "Österreichische Lebensmittel gehören in Österreich verkauft, weil es hier auch bessere Preise gibt, und sie sollen möglichst nicht exportiert werden." Und: "Die Lebensmittel müssen heraus aus der EU-Gesetzgebung." Die kleinstrukturierte Landwirtschaft garantiere Lebensqualität für die Bevölkerung und sei die Grundlage für Qualitätstourismus. 

Rund 150 Kilometer von Steinbichler entfernt führt Fritz Gillinger in Martinsberg im Waldviertel einen Rinderbetrieb mit Milch und Mast. Für ihn befinden sich die meisten Landwirte in einem Hamsterrad mit Arbeit ohne Ende: "Wir können seit dem EU-Beitritt nicht mehr kostendeckend produzieren und sind auf Ausgleichszahlungen angewiesen. Man hat uns zu Bittstellern degradiert, es gilt bis heute allgemein das Motto ?Wachse oder weiche?." Für kritische Bauern habe das System Mittel, ihnen auf die Finger zu klopfen, nämlich "mit verstärkten AMA-Kontrollen oder mit dem Fälligstellen von Krediten". Gillinger weiter: "Ställe werden inzwischen um 800.000 bis 1,4 Millionen Euro gebaut, die Bauern bekommen über die Kammer Kredite von Raiffeisen. Die Flucht nach vorne in Investitionen ist aber nicht die Lösung. So sind wir Sklaven des Systems geworden. Aber wir müssen wieder freie Bauern werden." 

Weniger ist mehr

Er selber sei mit seinem Betrieb "zurückgerudert". "Ich wollte nicht mehr den Leistungsdruck für die Tiere und für mich, stelle derzeit auf Bio um und bin in die Weidehaltung eingestiegen. Seither arbeite ich lockerer, es geht mir und den Tieren besser." Er füttere wesentlich weniger Getreide als Kraftfutter zu, was zwar die Milchleistung und das Wachstum bei den Masttieren etwas mindere, jedoch auch Vorteile bringe: "Ich habe geringere Tierarztkosten und weniger Probleme in der Herde. Im Endeffekt bleibt bei weniger Leistung dasselbe im Geldbörsl, weil die Kosten sinken." Gillinger ist sich sicher, dass dies ein gangbarer Weg für viele Bauern wäre. "Wir müssen zurück zur Natur und gemeinsam mit den Konsumenten an einem Strang ziehen. So kann man wahrscheinlich mehr Betriebe am Leben erhalten, weil sich viele Kinder der (Alt-)Bauern den Wachstumsstress nicht mehr antun wollen." Jeder wirtschaftende Bauernhof sei wichtig für den ländlichen Raum und die Gesellschaft. "Wir waren in der Vergangenheit absolut entwickelt und haben am Land mit Schule, Nahversorger, Arbeitsplatz, Freizeitmöglichkeiten alles vor Ort gehabt. Es braucht große Anstrengungen, um wieder da hinzukommen." Gillinger betont, dass in Österreich das Grünland überwiegt. "Eine sinnvolle Grünlandpflege funktioniert nur über den Wiederkäuer. Mit diesem hochwertigen Grünland kann man bestens Milch und (Rind-)Fleisch produzieren und die Ackerböden in Gunstlagen könnten sinnvoller als für Futtermittel für Rinder verwendet werden." 

Regional-Bonus für Handel

Nicht weit von Gillinger entfernt betreibt Cornelia Baumgartner in Pöggstall mit ihrem Mann und ihrem Schwiegervater einen Schweinezucht- und Christbaumbetrieb. Für die gemeinsame Agrarpolitik der EU (GAP) wünscht sie sich, dass es zu einem Ende des jetzigen Fördersystems kommt, von dem zum Großteil Privatstiftungen, Konzerne und Großgrundbesitzer profitieren. "Den Bauern wird gerne unterstellt, dass sie viel Förderung bekommen. Die Wahrheit ist jedoch, dass 80 Prozent der bäuerlichen Betriebe gerade einmal 20 Prozent des Budgets bekommen. Wer mehr hat, bekommt auch mehr."

Für Baumgartner ist klar: Die Situation für die Bauern kann sich nur ändern, wenn die Politik gänzlich umdenkt und ein intelligentes Handelssystem etabliert, das Regionalität tatsächlich fördert. "Man müsste beim Handel Anreize schaffen, möglichst viele regionale Lebensmittel zu listen, etwa mit einem Regionalitätsbonus. Weiters ist eine einfache, klare Kennzeichnung aller verarbeiteten Produkte unabdingbar." Der wahllose Import von Lebensmitteln, die in ausreichender Menge im eigenen Land verfügbar sind, ist für sie "Machtwirtschaft einiger Weniger". Produkte mit schädlichem Palmöl - bei der industriellen Produktion entstehen krebserregende Fettsäureester - aus abgeholzten Regenwäldern, oder weitgereistes Obst, das zur Reifung mit Ethylen begast wird, müssen der Vergangenheit angehören: "Es ist Wahnsinn, Produkte, die weder unter vergleichbaren ökologischen noch sozialen Standards produziert werden, rund um die ganze Welt zu führen, weil der Transport fast nichts kostet." 

Billighendl aus Ukraine-Abkommen

Verschlechterungen für die Landwirte fürchtet Baumgartner auch durch die zahlreichen neuen EU-Freihandelsabkommen wie zum Beispiel mit Kanada (CETA), der Ukraine (DCFTA) oder Japan (JEFTA). Durch das EU-Ukraine-Abkommen können ukrainische Betriebe zollfrei Hühner-Teilstücke in die EU exportieren, wo sie von Zerlegebetrieben, die meist der Ukraine selbst gehören, zu Filets verarbeitet werden. Die Tiere stammen aus unfassbar großen industriellen Betrieben, wie dem der Vinnytsia Poultry Farm. Hier werden an zwölf Standorten 18 Millionen Hühner gleichzeitig gemästet. Deren Filets sind nicht nur um kolportierte 40 Prozent günstiger als in der EU produzierte, sondern sie haben auch den Genusstauglichkeitsstempel jenes EU-Landes, wo die Zerlegung erfolgte. Laut Berichten greifen Verarbeitungs- und Gastronomiebetriebe freudig zu der Billigware, während immer mehr Mastbetriebe auch in Österreich um ihre Existenz fürchten. 

"Das Problem für uns Bauern ist die Vertretung", meint Baumgartner, weil diese die Freihandelsabkommen gutheißt und mitträgt. 

Kleine Schlachthöfe und Molkereien

Genossenschaften als Verarbeitungsbetriebe würden immer größer und machten sich zunehmend erpressbar, die Preise zu senken und die Flut an billigen Eigenmarken des Handels zu produzieren, so Baumgartner. "Es gilt in diesem Fall das Motto: Alles, was zu groß wird, ist Gift." Das Gegenmittel:  Ein paar Bauern sollten zusammen einen kleinen Schlachthof oder eine Molkerei gründen, um Milch oder Fleisch kostendeckend produzieren zu können. "Auch als Krisenprävention wären viele kleine Verarbeitungsbetriebe sinnvoll." Sie frage sich oft selber, ob es einen Sinn hat, seine Stimme zu erheben, so die Bäuerin. "Aber sobald ich an die Verantwortung gegenüber den nachfolgenden Generationen denke, habe ich die Antwort. Es müssten noch viel mehr Bauern aufstehen. Oberstes Ziel der Agrarpolitik muss eine regionale Ernährungssouveränität sein!"

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