Gedenkjahr: Zwischen Schuldkult und Schlussstrich

Foto: Bundesarchiv / Röhnert
Foto: Bundesarchiv / Röhnert

Der Einmarsch Adolf Hitlers vor 80 Jahren in Österreich gibt dem Mainstream die Gelegenheit, das Nazi-Thema noch mehr aufzukochen, als dies ohnehin schon der Fall ist. Doch über die Ursachen des Aufstiegs der Nationalsozialisten schweigen sich die "Aufarbeiter" aus: die Diktate der Siegermächte an Deutschland und Österreich nach dem Ersten Weltkrieg, die auch zu einem Massenelend führten. Zusätzlich gäbe es auch allen Grund, den Blick nach vorne statt zurück zu richten.


Text: Klaus Faißner

Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein: 80 Jahre nach dem Einmarsch Adolf Hitlers am 12. März 1938 und dem darauffolgenden Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich ist das Thema Nationalsozialismus präsenter denn je. Obwohl nur noch wenige Zeitzeugen leben, sehen Medien und Aktivisten an jeder Ecke eine "Nazi- Gefahr". Linke und Linksextreme halten bei Demonstrationen gegen die neue Regierung Tafeln mit der Aufschrift "Nazis raus aus dem Parlament" und sogar harmlose Pullover der norwegischen Olympia-Mannschaft sorgten weltweit für Aufruhr - wegen einer darauf befindlichen Rune des Kriegsgottes Tyr (siehe Kolumne von Felix Baumgartner).

Wieder einmal befinden wir uns in einem großen Gedenkjahr - zusätzlich zum "Anschluss" wird auch des Endes des Ersten Weltkriegs und der Gründung der Republik Österreich gedacht, die sich beide zum 100. Mal jähren. Doch insbesondere was den Nationalsozialismus betrifft, will die Mehrheit der Österreicher einen Schlussstrich unter die Aufarbeitung ziehen. In Umfragen aus den vergangenen zwei Jahrzehnten plädieren zwischen 50 und 60 Prozent für ein Ende der scheinbar endlosen Vergangenheitsbewältigung. Außer von der FPÖ gab es jedoch in der Vergangenheit keine Partei, die diesen Wunsch der Österreicher berücksichtigte. In Deutschland forderte AfD-Vorsitzender Alexander Gauland, einen Schlussstrich unter die Nazi-Vergangenheit zu ziehen.

"Vergangenheitsbewältigung lähmt"

Es ist schon Jahrzehnte her, dass sich ein namhafter deutscher Politiker ähnlich äußerte, nämlich der ehemalige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß (1915- 1988): "Die deutsche Geschichte hat nicht mit Adolf Hitler begonnen und ist nicht mit Adolf Hitler zu Ende gegangen", erklärte er im November 1986 auf dem Wahlkongress der CSU. Es gehe darum, die Vergangenheit nach der Bewältigung zu vergessen: "Denn die ewige Vergangenheitsbewältigung als gesellschaftspolitische Dauerbüßeraufgabe lähmt ein Volk", sagte Strauß, der sich als "eingeschworener Feind des damaligen Systems", also des Nationalsozialismus, bezeichnete. Und weiter: "Ohne den törichten Vertrag von Versailles und ohne dieses Massenelend der damaligen Arbeitslosigkeit in den Jahren 1930, 31, 32 wäre Hitler nicht an die Macht gekommen. (...) Hitler konnte das deutsche Volk täuschen, er hat auch die Westmächte getäuscht, bis zum Frühjahr 1939, bis zum Tag des Einmarsches in Prag (...) Darum kann man nicht den kleinen Leuten bei uns anlasten, dass sie etwas hätten erkennen müssen, was die weisesten Geister der Menschheit größtenteils damals nicht erkannt hatten."

Auch die Mehrheit der Österreicher hatte 1938 gehofft, dass die Nationalsozialisten das Land in eine gute Zukunft führen würden. Sieben Jahre später war es ein Trümmerfeld, in dem unzählige Menschen ums Leben gekommen waren. Die isolierte Betrachtung des Aufstiegs Hitlers erklärt jedoch nicht die Wurzeln des Desasters - diese liegen rund um die Urkatastrophe des vorigen Jahrhunderts, dem Ersten Weltkrieg, wie immer mehr kritische Historiker erkennen.

Breite Front gegen Krieg

Ein ausgewiesener Spezialist ist der Wiener Historiker Helmut Neuhold, der nicht nur regelmäßig für alles roger? Artikel schreibt, sondern auch bereits 14 Bücher verfasst hat, die meisten über Alt-Österreich und die Habsburger. Im Mai wird er ein Buch zum Thema Erster Weltkrieg auf den Markt bringen. "Die breite Mehrheit der Menschen und der Staatsführer wollten keinen Krieg", betont Neuhold, diesmal im Gespräch mit alles roger?. "Der deutsche Kaiser Wilhelm war entsetzt über den Kriegsausbruch, auch der russische Kaiser und der englische König wollten keinen Krieg. Einen solchen wollte nur ein kleiner Klüngel von Kriegsfanatikern, vor allem in Österreich, wie der Chef des Generalstabs der österreichisch-ungarischen Armee, Conrad von Hötzendorf." Am 28. Juli 1914 unterschrieb Kaiser Franz Josef die Kriegserklärung gegen Serbien, unmittelbar darauf fielen die ersten Schüsse aus österreichischen Kanonen gegen Serbien. Es folgte ein Krieg der Mittelmächte Österreich und Deutschland gegen die Entente, bestehend aus Großbritannien, Frankreich und Russland, die später von den USA unterstützt wurde.

Es war der erste moderne Krieg, mit unfassbar hohen Verlusten durch Maschinengewehre und insgesamt etwa 15 Millionen Toten. Hinzu kam der Hunger und nach dem Krieg die Spanische Grippe, die wegen der allgemeinen Unterernährung noch mehr Menschen hinwegraffte als der Krieg selbst. Am 12. November 1918 wurde die Republik Österreich proklamiert. Das Kaiserreich war Geschichte, so wie auch in Deutschland. Doch den Startschuss für eine noch größere Katastrophe als der erste Weltkrieg sollten im folgenden Jahr die Siegermächte geben.

Saat für Faschismus 1919 gelegt

Im Vertrag von Saint-Germain, der im September 1919 unterzeichnet wurde, wiesen sie Österreich nicht nur - gemeinsam mit dem Deutschen Reich - die alleinige Kriegsschuld zu, sondern raubten dem einstigen Großreich auch viel Land: von Böhmen und Mähren über Südtirol bis hin zur Untersteiermark. Österreich musste sich zu Reparationszahlungen verpflichten, die Politiker aus fast allen Lagern als "verhängnisvoll" bezeichneten. Diese finanzierte der junge, am Boden liegende Staat vor allem über das Drucken von Geld. Die Folgen: eine Hyperinflation, Massenarbeitslosigkeit und anhaltende Armut. Die Verwendung von "Deutsch-Österreich" - wie sich die gerade gegründete Republik nannte - wurde als Staatsname ebenso verboten wie der Anschluss ans Deutsche Reich. Die allgemeine Wehrpflicht wurde untersagt, was viele - vor allem Sozialdemokraten - als Grund sahen, warum 1934 Österreicher im Bürgerkrieg aufeinander schossen, denn bei der allgemeinen Wehrpflicht finden junge Männer aus allen politischen Lagern zusammen. Das österreichische Parlament protestierte am 6. September 1919 gegen die auferlegten Bestimmungen, doch fand bei den Siegermächten kein Gehör.

Noch dramatischer waren die Zwangsmaßnahmen gegen Deutschland. Auch hier kam es zu massiven Gebietsabtretungen, einer vorgeschriebenen Abrüstung und zu enormen Reparationszahlungen an die Siegermächte, die bis 2010 (!) andauerten. Marschall Ferdinand Foch, der letzte Oberkommandierende der alliierten Streitkräfte an der Westfront, sollte mit seiner düsteren Prophezeiung recht behalten: "Das ist kein Friedensvertrag, das ist ein Waffenstillstand für 20 Jahre."

Ende des Artikelauszugs.

Lesen Sie in der Fortsetzung in der aktuellen Märzausgabe:

  • - wie britische Kreise schon Jahre vor dem Ersten Weltkrieg die Zerstörung Deutschlands propagierten
  • - wie ungeschickt Kaiser Franz Joseph agierte
  • - dass der heutige Gedenkkult mitsamt Selbstgeißelung in Österreich und Deutschland einzigartig ist
  • - welche Lösungen es zur Verhinderung von Kriegen gibt.

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