Künstliche Meinungsmache

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Sie schicken Freundschaftsanfragen auf Facebook. Sie sammeln Daten, schreiben Nachrichten, Kommentare und Tweets. Sie verteilen Likes, teilen Beiträge und machen Werbung. Social Bots sind kaum von menschlichen Internet-Nutzern zu unterscheiden. Und das ist gefährlich. 

Text: Helmut Berger

Sie ist jung und blond. Hat blaue Augen, für ihr Facebook-Profilfoto ein strahlendes Lächeln aufgesetzt und eine Freundschaftsanfrage geschickt. Tanja ... man überlegt, woher man sie kennt. Fragt sich, wo man ihr Gesicht schon einmal gesehen haben könnte. Tanja ... vielleicht ist man ihr irgendwo einmal zufällig über den Weg gelaufen. Womöglich hat man gemeinsame Freunde. Tanja ... Tanja ... nein ... nichts. Tanja ist eine Unbekannte. Und Tanja ist aller Wahrscheinlichkeit nach noch nicht einmal ein Mensch. Tanja ist ein Programm, das Daten sammelt, Werbung macht und Meinungen verbreitet. Tanja ist ein Social Bot.

Echt unecht
"Ein Bot ist per Definition ein Programm, das bestimmte Aufgaben automatisiert erledigt. Diese Aufgaben können vom automatisierten Zufall bestimmt sein oder Regeln folgen, die so komplex sind, dass ein Bot nicht als Bot erkannt wird. Das ist bei den meisten unerlaubten Bots - darunter fallen auch Social Bots - so", erklärt IT-Experte Michael Köpl. Nimmt man die Freundschaftsanfrage von Tanja an, liest und sammelt der Social Bot private Informationen. In Vancouver haben Wissenschaftler dazu ein Experiment gemacht und 102 gefälschte Profile bei Facebook erstellt. In nur acht Wochen konnten sie mehr als 250 Gigabyte Daten sammeln. Daten, die für Unternehmen oder auch für die Politik sehr wertvoll sind.

Bots können aber noch mehr. Komplexe Varianten schreiben Rezensionen auf Shopping-Websites wie Amazon oder Zalando, treten auf Dating-Seiten in Kontakt mit Usern, laden auf Facebook zu Veranstaltungen ein, verfassen Nachrichten, Kommentare und Tweets, verteilen Likes, teilen Beiträge und machen Werbung. Auch für Meinungen. Einmal programmiert, arbeiten sie vollkommen automatisch. Im US-Wahlkampf haben beide Kandidaten solche Social Bots eingesetzt. Eine Studie der Universität Oxford hat gezeigt, dass etwa ein Drittel der Twitter-User, die Trump favorisierten, Bots waren. Sie haben zum Beispiel den Hashtag #TrumpWon auf Twitter nach dem ersten TV-Duell zum Trending Topic in den Vereinigten Staaten von Amerika gemacht. Und so der allgemeinen Meinung, Hillary Clinton habe das Duell gewonnen, entgegengewirkt.
Und laut Buzzfeed, einem Online-Magazin, haben in den letzten drei Monaten vor der US-Wahl die populärsten Fake News auf Facebook mehr Beachtung gefunden als Online-Artikel der Qualitätsmedien. Falsche Nachrichten also, noch nicht einmal Gerüchte, sondern Lügen, die automatisiert von Social Bots in Umlauf gebracht wurden. Die Forscher aus Oxford stellten auch fest: Die Trump-Bots nutzten Hashtags, die pro Clinton waren, um darunter solche Falschmeldungen zu verbreiten. Und damit die Menschen zu verunsichern.

Gut getarnt
"Der Sinn hinter dem Einsatz eines Bots ist meistens, das Werbebudget zu schonen. Ich würde den Social Bots jetzt aber nicht attestieren, den Ausgang einer Wahl beeinflussen oder massiv den Umsatz eines Unternehmens steigern zu können. Als halbwegs versierter Internetnutzer erkennt man, wenn man mit einem Bot konfrontiert ist", meint Michael Köpl, räumt aber ein, dass das nicht immer gilt. Denn erstens, es gibt viele Menschen, die nicht so erfahren im Umgang mit dem Internet sind. Und zweitens: "An einzelnen Kommentaren kann man Bots wirklich schwer erkennen. Außer es sind Postings, die überhaupt nicht zum Kontext der Diskussion passen."

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Aber genau darum geht es. Um die vielen Kommentare auf diversen Facebook-Seiten. Um die vielen Likes, die gezielt eingesetzt werden, um eine Meinung künstlich zu bestärken. Um die vielen Beiträge, darunter eben auch Fake News, Lügen und Gerüchte, die tausendfach geteilt werden. Und denen so mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Auch von medialer Seite. So wird beeinflusst, wo-rüber wie diskutiert wird. So wird die öffentliche Meinung gesteuert. So wird die Gesellschaft, die sich immer mehr im Internet über das Tagesgeschehen informiert, gezielt getäuscht. Deshalb gefährden Social Bots eine auf Tatsachen basierende Meinungsbildung. Und somit auch die Demokratie. "Theoretisch kann ein einzelnes Skript auch 10.000 Fakeprofile gleichzeitig steuern und damit eine sehr breite Wirkung erzielen", erklärt Köpl.

Aufgrund dieser breiten Wirkung sind Social Bots äußerst beliebt. Vor allem in der Politik. Auch in Europa. In Deutschland haben sich die Parteien allerdings gegen eine Verwendung ausgesprochen. Nur Alice Weidel, Bundesvorstandsmitglied der AfD, erklärte im Magazin Der Spiegel: "Selbstverständlich werden wir Social Bots in unsere Strategie im Bundestagswahlkampf einbeziehen." Die Kritik war so groß, dass die AfD schließlich zurückrudern musste. Schließlich ist es nicht nur eine ethische Frage, ob man Social Bots nutzt oder nicht. Soziale Netzwerke versuchen sie zu bekämpfen. "Was das Wachstum der Social-Bots-Branche verlangsamt, ist weniger die technische Umsetzbarkeit als die Sicherheitsvorkehrungen der sozialen Netzwerke. So misst Facebook zum Beispiel den Zeitabstand zwischen den Klicks, die man als Nutzer tätigt. Wenn der über einen längeren Zeitraum immer exakt gleich ist - weil etwa der Bot so eingestellt ist, alle fünf Sekunden eine Anfrage zu verschicken -, dann wird der Account gesperrt oder mit sogenannten ?Captchas? blockiert." Dann muss man, man kennt das wahrscheinlich, eine Kombination aus Buchstaben und Zahlen eingeben, bevor man fortfahren kann. Und so beweisen, dass man tatsächlich ein Mensch ist. "Bots begreifen dann nicht, was sie tun sollen und führen trotz der Meldung weiterhin dieselben Anfragen aus, und Facebook erkennt dann, dass etwas faul ist und sperrt den Account."

Ausweglos ausgeliefert
So einen Social Bot, der eine Meinung im Internet verbreiten, tausendfach verstärken und auch das Bild vermitteln kann, jemand hätte viele Follower und wäre besonders beliebt, ist jedenfalls schon recht günstig zu haben. "Da die Nachfrage nach Bots stetig steigt, wird es vermutlich auch für Social Bots bald Allround-Modelle oder simple Baukästen geben, mit denen sich auch Laien so etwas basteln können. Im Moment wird der Weg zu deinem Social Bot wohl aber ausschließlich über einen Programmierer führen, der die Automatisierungsroutinen schreibt und die Sicherheitsvorkehrungen des sozialen Netzwerks umgeht", sagt Michael Köpl. Ein einfaches Modell sei bereits für 100 bis 200 Euro zu haben. "Wenn ein Social Bot aber sehr viel Arbeit leisten und dabei möglichst nie entdeckt und gesperrt werden soll, dann muss er selbständig sehr viele Parameter auswerten und Entscheidungen treffen, was den Programmieraufwand und die Kosten stark in die Höhe treibt."

Social Bots sind also nicht so einfach aus den sozialen Netzwerken zu verbannen. Sie zu erkennen ist ebenfalls schwierig, für einen User eigentlich fast unmöglich. Wenn man von jemandem eine Freundschaftsanfrage bekommt, den man nicht kennt, wie von Tanja, könnte es ein Social Bot sein. "Bei ganz normalen Postings, zum Beispiel in Facebook-Gruppen, reicht meistens ein Blick ins Profil. Wurde es vor zwei Wochen angelegt, hat es nur ein einziges Bild und keine Statusmeldungen? Dann hat es vermutlich keinen Sinn, mit der ?Person? zu diskutieren. Im Gegenteil: Meistens wird durch das Engagement die Sichtbarkeit des Bot-Postings noch größer. Man sollte es also auch vermeiden, zu liken oder zu kommentieren. Leute, die darunter schreiben ?Hey, das ist ein Bot, sperrt den mal?, helfen also eigentlich dem Bot, noch mehr Leute zu erreichen." Allerdings ist es so gut wie unmöglich, alle verdächtigen Beiträge durch einen Blick aufs Profil zu überprüfen. Dafür gibt es einfach schon zu viele Tanjas in den sozialen Netzwerken. Was hilft: kritisch bleiben. Und nicht alles glauben, was man im Internet liest.

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