Mürzzuschlag: Die verratene Region

Foto: 123RF
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Einst war der ehemalige Bezirk Mürzzuschlag eine rote Hochburg. Heute wird er von den Genossen verraten und verhöhnt. Jüngst in Gestalt von Verkehrs- und Infrastrukturminister Jörg Leichtfried, der bei einer Maiansprache verbale Watschen an die Besucher verteilte. Auch die Öffnungszeiten der Chirurgie-Ambulanz des Krankhauses Mürzzuschlag sollen gekürzt werden. Die Bevölkerung schäumt. alles roger? unternahm einen Lokalaugenschein.


Text: Martina Bauer

"Wir sind ja der Blinddarm der Steiermark", oder: "Die Politiker wollen unsere Region sowieso aussterben lassen, da passt das ja gut dazu!" - der Unmut der Menschen in der Großgemeinde Neuberg an der Mürz, direkt neben der Stadt Mürzzuschlag, hat Gründe.

2013 wurde der Bezirk Mürzzuschlag mit Bruck zusammengelegt. Man kann auch sagen: er wurde geschluckt. Mit der Eigenständigkeit verlor er bei der Politik noch mehr an Bedeutung. Vor allem der sogenannte Graben, die Großgemeinde Neuberg an der Mürz, ist tatsächlich vom Aussterben bedroht. Wenn es da nicht den Tourismus gäbe, für den die wunderschöne Gegend des Naturparks Mürzer Oberland geradezu prädestiniert ist.

 Minister: "Zu euch kommt eh niemand"

Aber just dort, nämlich in Kapellen, schwang Verkehrs- und Infrastrukturminister Jörg Leichtfried, der auch designierter SPÖ-Spitzenkandidat für die Nationalratswahl im Oktober ist, eine launige Maiansprache. ÖVP-Gemeinderat Ernst Nierer war dabei. Er glaubte seinen Ohren nicht zu trauen, wie er gegenüber alles roger? berichtet, denn der Minister sagte: "Mit Tourismus braucht ihr euch gar nicht beschäftigen, weil ihr den sowieso nicht könnt. Den haben die Tiroler erfunden. Zu euch kommt eh niemand, und wenn, dann nur ein Mal, so wie ihr da drein schaut's." Eine richtige Watschn für alle, die sich im Tourismus dieser Region engagieren. Was für ein Einstand für den roten Spitzenkandidaten.

"Das hat er jetzt nicht wirklich gesagt?", raunte eine Besucherin ihrem Nachbarn zu. Doch, hat er! Was für eine Arroganz eines Ministers gegenüber jenen Menschen, mit deren Steuergeldern er finanziert wird. Noch dazu, wo er sich um jene Dinge, die ihn was angehen würden, überhaupt nicht schert. So donnern täglich einige über 7,5 Tonnen schwere Lkw über die Straßen der Region. Alles Mautflüchtlinge am Weg in die Slowakei oder Richtung St. Pölten, die die örtlichen Straßen ruinieren. Kontrollen gibt's natürlich keine. Da könnte sich Leichtfried modern machen. Aber nicht im Tourismus, von dem er offenbar wenig Ahnung hat.

 Die Wiege des Tourismus

Der Tourismus wurde nämlich definitiv nicht in Tirol erfunden. Vor allem das Gebiet rund um den Semmering war im 19. Jahrhundert Vorreiter für den Tourismus in Österreich. Sowohl im Sommer als auch im Winter. Mit dem Bau der Semmeringbahn 1854 strömten die Wiener zur Sommerfrische in die Region. "Um auch den Winter zu beleben, brachte Toni Schruf, Freigeist, Gastwirt und Freund Peter Roseggers, den Skilauf als touristische Marke nach Mürzzuschlag. 1904 kam der Kitzbüheler Bürgermeister Franz Reisch zu Besuch und schaute sich hier ab, wie die Steirer das machten. Mürzzuschlag ist die Wiege des österreichischen Skisports", erklärt Hannes Nothnagl, Leiter des "Winter!Sport!Museums! Mürzzuschlag", gegenüber alles roger?.

Dessen ungeachtet heroisierte der Minister in einem Anflug von Nostalgie die Metallindustrie. Die war in der Region tatsächlich mal eine Macht. Das ist aber mehr als drei Jahrzehnte her. Nach der Stahlkrise war es vorbei mit den Schichtbussen, die die Menschen aus dem sogenannten "Graben" rund um Neuberg in die Stahlbetriebe karrten. Heute gibt's in den Böhler-Werken in Mürzzuschlag grad mal ein paar Hundert Arbeitsplätze. Früher waren es Tausende. Die Bewohner müssen schauen, wie sie über die Runden kommen. Die SPÖ hilft ihnen dabei jedenfalls nicht.

Für eine Stellungnahme war der SP-Minister nicht bereit. Vielleicht sogar verständlich, denn was bliebe dazu noch zu sagen. Außer vielleicht einer Entschuldigung. Vor allem bei den vielen im Tourismus engagierten Menschen und Gewerbetreibenden, die im Nationalpark Mürzer Oberland Arbeitsplätze sichern.

Klar sind Tirol und Kärnten bekannter. Das liegt aber daran, dass ebenfalls bis vor ein paar Jahrzehnten ein Großteil der Häuser hier im Besitz der Bundesforste war. Die sogenannten "Luftkeischn" konnten nicht vermietet werden, während fast jeder Bauernhof in Tirol zu einer Tourismusstätte wurde.

Der Tourismus in dieser Region ist also gleichermaßen uralt und auch wieder jung. Dennoch ist er heutzutage der Strohhalm für die verbliebene Bevölkerung. Vor allem für die Jungen ist es immer schwerer, Arbeit zu finden. Sie wandern ab, die Kaufkraft sinkt, Geschäfte sperren zu - der Klassiker einer Abwärtsspirale.

 Gesundheit am Abstellgleis

Politiker haben dann immer weniger Hemmungen vor Beschlüssen, die die Region noch mehr schwächen. Jüngster Coup: Beschneidung der Öffnungszeiten der chirurgischen Ambulanz im Krankenhaus Mürzzuschlag. Die war Leichtfried übrigens keine Erwähnung wert. Weiß er vielleicht gar nicht. Wird ihm vermutlich auch wurscht sein. Den Leuten, die dort leben, aber nicht, zumal die ärztliche Versorgung ohnehin immer schlechter wird. Sogar die Einsatzzentrale des Roten Kreuzes Mürzzuschlag wurde bereits nach Graz verlegt, was immer wieder Probleme bei der Lokalisierung von entlegenen Gebieten mit sich bringt.

Für die Aufrechterhaltung der chirurgischen Ambulanz setzt sich jetzt FP-LAbg. Hannes Amesbauer ein. Er brachte dafür einen Antrag im Landtag ein und initiierte eine Petition. "Das sollten wir parteiübergreifend schaffen, weil uns die Gesundheitsversorgung alle angeht", hofft der Landesrat gegenüber alles roger? auf Unterstützung der Bürgermeister aller Couleurs. Amesbauer fürchtet auch, dass die Beschneidung des Krankenhauses Mürzzuschlag kein Ende finden wird. Erst haben sie die chirurgische Abteilung aufgelassen, und nun wollen sie die Öffnungszeiten der chirurgischen Ambulanz reduzieren. Was noch alles... Sie sagen zwar immer, das ist Panikmache, aber ganz offenbar ist es bereits Realität", so der FP-Mann.

 Landesrat-Pressesprecherin schmeißt die Nerven

Dass seine Anstrengungen ohnehin vergeblich sein werden, prophezeite Josefa Umundum, Pressesprecherin von Mag. Christopher Drexler, gegenüber alles roger?. Stellvertretend für Drexler, der unabkömmlich war, sagte sie: "Das kommt ab 1. Jänner 2018. Das ist so ausgemacht." Auf Nachfrage, ob man den Antrag nicht erst behandeln möchte, antwortete sie, dass man das auch machen wird, aber das sei nun mal beschlossen. Wie brisant das Thema ist, darauf lässt die Nervosität von Umundum bei dem Gespräch schließen. Viel Spielraum auf Hoffnung lässt das trotzdem nicht. Und wieder ist es eine Verhöhnung, denn auf Drexlers Seite unter gesundheit.steiermark ist zu lesen: "Mit der Notwendigkeit zu sparen haben sich Chancen aufgetan, eingefahrene Systeme und verkrustete Strukturen aufzubrechen und gleichzeitig den Nutzen für die Menschen zu verbessern."

Worin der Nutzen für die Menschen rund um Mürzzuschlag besteht, konnte alles roger? leider nicht mehr in Erfahrung bringen, zumal Umundum das Telefonat einfach beendete. Auch eine Möglichkeit, wenn die Fragen zu unbequem werden ... Höflichkeit wird sowieso überbewertet. Wozu auch für die Bevölkerung Rede und Antwort stehen, wenn die Sache bereits beschlossen ist...

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