Pharmaindustrie jubelt über Tabakverbote

Foto: 123RF
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Kommt am 1. Mai 2018 in Österreich eines der strengsten Antitabakgesetze Europas oder doch nicht? Wenn ja, fürchten vor allem kleine Lokalbetreiber den Ruin - so wie dies in anderen Ländern auch der Fall war. Der wohl größte Profiteur der Antitabakgesetzgebung ist die mächtige Pharmaindustrie, die damit weltweit Milliarden verdient - mit fragwürdigen Studien und Medikamenten, die schon für viele Menschen tödlich waren. Und: Die Schädlichkeit von "Passivrauchen" - um das sich bei den Verboten alles dreht - ist umstritten, wie ein Experte erklärt.


Text: Klaus Faißner

 Eigentlich müssten die US-Amerikaner das gesündeste Volk der Welt sein. Während sich 1997 noch 25 Prozent der Einwohner eine Zigarette anzündeten, sind es jetzt nur mehr 15 Prozent. In Gaststätten ist der Tabakkonsum schon längst verboten, auch im Freien herrschen zum Teil rigorose Regelungen. Doch die durchschnittliche Lebenserwartung ist zuletzt gesunken. Zwar nur um einen Monat auf 78,8 Jahre, doch damit sind die USA laut Medienberichten bislang das einzige Industrieland, in dem dies geschehen ist. Die Lebenserwartung der weißen Arbeiterschicht geht bereits seit den 1990er-Jahren zurück, noch dazu deutlich.

Also kann es nicht nur am Tabak­konsum liegen, wie fit ein Volk ist. Wie ein Teppich haben sich Rauchverbote beziehungsweise Antitabakgesetze um die ganze Welt gelegt. In Österreich darf laut einem Beschluss der alten rot-schwarzen Regierung ab Mai 2018 in keinem Lokal mehr geraucht werden. Es ist eines der strengsten Antitabakgesetze Europas. Rauchen ist ungesund, das weiß jedes Kind. Doch das ist Alkohol auch. Mit der Anti-Tabak-Hysterie haben die Mächtigen einen Keil in die Bevölkerung getrieben. Dort, wo es früher wenig Probleme gab, gehen schon seit Jahren Nichtraucher und Raucher aggressiv aufeinander los. Selbst ernannte "Rauchersheriffs" etablierten in Zusammenarbeit mit Behörden ein Spitzel- und Denunziantenwesen, das an dunkelste Zeiten unserer Geschichte erinnert.

 EU: "Aufsehenerregende Strafverfolgung"

Besonders die EU setzt auf eine aggressive Vorgehensweise der Behörden. In den "Durchsetzungsstrategien von Rauchverboten" empfiehlt der EU-Rat 2009, "eine aufsehenerregende Strafverfolgung zu betreiben, um die abschreckende Wirkung zu verstärken". Bei prominenten Personen, die gegen Gesetze verstießen, sollten Behörden "mit rigorosen und zügigen Maßnahmen reagieren und dabei die größtmögliche öffentliche Aufmerksamkeit erregen."

Eine Sparte jubelte darüber besonders laut: die Pharmaindustrie und ihre bestens bezahlten Lobbyisten. "Wir freuen uns über die Einigung der Regierungspartner auf das generelle Rauchverbot in der Gastronomie", erklärte Jan Oliver Huber, Generalsekretär der Pharmig, der Interessensvertretung der Pharmaindustrie in Österreich, beim Beschluss vor mehr als zwei Jahren. Vor wenigen Monaten legte Huber nach: Da Österreich den letzten Platz bei staatlichen Initiativen zur Tabakkontrolle belege, "müssen dringend weitere Maßnahmen zur Prävention und zur Raucherentwöhnung gesetzt werden ..."

 Antiraucherpille: Nebenwirkung Selbstmord

Die Raucherentwöhnung ist zu einem weltweiten Milliardengeschäft für die Pharmaindustrie geworden. So machte zum Beispiel der Pharmariese Pfizer alleine mit der Antiraucherpille Champix (in vielen Gegenden der Welt als Chantix verkauft) im Vorjahr 842 Millionen Dollar Umsatz. Damit rangierte sie auf Rang zehn der umsatzstärksten Medikamente des Konzerns. Erst Mitte September urteilte ein Gericht in Brisbane (Australien), dass Champix für den Selbstmord des erst 22-jährigen Timothy John mitverantwortlich war. Er hatte sich nur wenige Tage nach Beginn der Einnahme des Medikaments umgebracht, mit dem er sich das Rauchen von acht Zigaretten täglich abgewöhnen wollte, wie die Zeitung Guardian berichtete.

Schon kurz nach der Zulassung im Jahr 2006 kam es nach Einnahme dieses verschreibungspflichtigen Medikaments zu schweren Nebenwirkungen wie Blackouts, kurzzeitiger Blindheit, Depression, Psychosen, Aggression - und zu Selbstmorden. Schnell wehrten sich Opfer und deren Angehörige, zeigten Pfizer an und formierten sich für Klagen. Schließlich zahlte Pfizer im Jahr 2013 insgesamt 288 Millionen Dollar für über 2.000 Champix-Opfer in den USA und deren Hinterbliebene. Tatsächlich steht bei der Verschreibungsinformation von Pfizer in den USA unter Nebenwirkungen: Stimmungsschwankungen, Psychosen, Halluzinationen, Paranoia, Wahnvorstellungen, Tötungsfantasien, Aggression, Feindseligkeit, Unruhe, Angst, Panik, Selbstmordgedanken, Selbstmordversuch, Selbstmord. Trotzdem darf Pfizer das Mittel weiter verkaufen, auch in Österreich. Nicht viel weniger umstritten ist die zweite Antiraucherpille, Zyban von GlaxoSmithKline. Dabei handelt es sich um ein Antidepressivum mit dem Wirkstoff Bupropion, der als Antidepressivum in den USA 1984 die Zulassung erhalten hatte. Nach mehreren zum Teil tödlichen Krampfanfällen wurde die Zulassung bereits zwei Jahre später, 1986, wieder entzogen. Im Jahr 2000 kam der Wirkstoff als Entwöhnungsmittel wieder auf den Markt.

 Passivrauchen: "Übertrieben dargestellt"

Neben den gefährlichen Antiraucherpillen sind Nikotinersatzprodukte für die Konzerne der Renner: von Nikotinkaugummis über -pflaster, -tabletten, bis hin zu Nikotinsprays, und -inhalatoren. Belief sich 2015 das weltweite Marktvolumen laut dem Marktforschungsinstitut Coherent Market Insights auf 11,2 Milliarden Dollar, so soll es sich bis 2024 auf unglaubliche 46 Milliarden Dollar vervierfachen. Interessanterweise ist in Gaststätten ab Mai 2018 auch das Rauchen von E-Zigaretten verboten. Diese werden nicht von Pharmakonzernen verkauft. "So könnte man auch Erdbeermarmelade als Tabakprodukt deklarieren, weil Dampf entsteht, wenn man sie erhitzt", erklärte Bernhard-Michael Mayer vom Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Uni Graz.

Begründet werden die Rauchverbote in der Gastronomie und anderswo vor allem mit den Gefahren des "Passivrauchens" - ein Begriff, den die Nationalsozialisten erfanden. Angeblich sollen rund 1.000 Österreicher pro Jahr daran sterben. Schon 2008 gab der Sozialmediziner und Verfechter der Tabakverbote Michael Kunze im Interview mit der Zeitschrift Die Furche zu, als er zu dieser Zahl befragt wurde: "Das wird meist übertrieben dargestellt." Es gebe zwar einige Studien, die kaum schädigende Wirkungen des Passivrauchens auf Erwachsene feststellen, "aber wir vertrauen der WHO", so Kunze damals.

 "Geht um Prohibition"

Die Weltgesundheitsorganisation WHO spielt die Hauptrolle bei den Antitabakgesetzen - und sie agierte von Anfang an im Sinne der Pharmaindustrie. 1998 erklärte WHO-Generaldirektorin Gro Harlem Brundtland den Kampf gegen den Tabak zu einem ihrer Hauptziele. Die Tobacco Free Initiative der WHO wurde gegründet und fasste ihre Mission als "Weltkrieg gegen den Tabak" auf, erklärt Romano Grieshaber, ehemaliger Leiter von Prävention und Forschung der Deutschen Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gaststätten. "Das erste Opfer des Krieges ist immer die Wahrheit", so Grieshaber, der mit einem Buch übers Passivrauchen für Aufsehen sorgte. Es gehe nicht um "Nichtraucherschutz", sondern auf lange Sicht um Tabakprohibition. Bis zu seiner Pensionierung 2011 hat er zahlreiche Untersuchungen zur Belastung von Passivrauch durchgeführt und festgestellt, dass dieser kein nennenswertes Risiko sei. Laut Grieshaber gibt es weltweit keine einzige wissenschaftlich taugliche und gesicherte Studie, die gesundheitliche Schäden durch Passivrauchen nachweist.

Bezeichnend ist es, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO 1999 beim Weltwirtschaftsforum - das mit Gesundheit kaum etwas am Hut hat - in Davos mit der pharmazeutischen Industrie eine Partnerschaft gegen den Tabak begründete. Mit an Bord waren Glaxo Wellcome, Novartis und Pharmacia, drei der wichtigsten Hersteller von Pharma-Entwöhnungspräparaten wie Nicorette.

 Führender Wissenschaftler als Lobbyist

2002 und dann 2004 klassifizierte die WHO über ihre Krebsabteilung IARC Passivrauchen als krebserregend. Federführend tätig war dabei Jonathan Samet. Er lieferte 2006 mit einem Report die entscheidende Grundlage für totale Rauchverbote. Dieser Report kam zur Schussfolgerung, dass Passivrauchen eine tödliche Gefahr darstelle, der nur durch ein totales Rauchverbot begegnet werden könne - was von vielen Forschern bestritten wurde und wird. "Die Diskussion ist vorbei", erklärte er unwissenschaftlich nach der Publikation. "Es gibt keine sichere Dosis von Passivrauch. Punkt."

Tatsächlich entpuppte sich Samet verbotenerweise als Lobbyist: Als er Präsident des Experten-Beratungskomitees für Tabakprodukte (TPSAC) der US-Nahrungs- und Arzneimittelbehörde FDA war, stellte 2014 ein Gericht in Washington D.C. einen massiven Interessenkonflikt mit Pharmakonzernen fest. Samet musste seine Funktion aufgeben. Er hatte vom Pharmakonzern GlaxoSmithKline Geld für Forschungs- und Schreibarbeiten erhalten, das Institut für weltweite Tabakkontrolle geleitet, das von GlaxoSmithKline und Pfizer gegründet worden war, und er hatte regelmäßig Honorare von Pfizer für seine Tätigkeiten in einer konzerneigenen Anti-Tabak-Vereinigung erhalten.

 Pharma und Mafia

Im Jahr 2005 trat das Rahmen­übereinkommen der WHO zur Eindämmung des Tabakgebrauchs in Kraft, das 168 Staaten unterschrieben, darunter auch Österreich. Diese verpflichten sich darin, das Rauchen an möglichst vielen Orten zu verbieten. Die mächtigste Industrie der Welt, die Pharmaindustrie, hat sich gegen eine andere mächtige, die Tabakindustrie, durchgesetzt. Um die Gesundheit der Menschen geht es hier nicht, sondern um gigantische Profite. "Wenn es um kriminelle Strukturen geht, stehen Pharmakonzerne der Mafia um nichts nach", urteilt der profilierte Pharmakritiker Peter C. Gøtzsche generell über die Branche. Gøtzsche arbeitete jahrelang selbst für Pharmaunternehmen und ist nun Facharzt sowie Professor für klinisches Forschungsdesign in Kopenhagen. Er veröffentlichte wissenschaftliche Artikel in allen wichtigen medizinischen Fachzeitschriften der Welt. Sein geballtes Wissen packte er in das Buch "Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität".

In Österreich trat von Anfang an die Ärzteinitiative gegen Raucherschäden aggressiv gegen den Tabak auf. Sie wurde von Pharmakonzernen wie Eli Lilly, Glaxo, Novartis und Pharmacia unterstützt. Als sie sich über ein "Rauchertelefon" für die hochproblematischen Entwöhnungspillen Champix und Cyban einsetzte, kam es zu Widerstand und Anzeigen. Zahlungen von Novartis & Co. erfolgten zumindest bis vor wenigen Jahren, derzeit sind jedoch keine Pharmakonzerne mehr als Unterstützer gelistet. Es bleibt abzuwarten, ob eine ehrliche Diskussion zum Thema Tabakverbote in Gang kommt. Und ob die neue Regierung noch eine vernünftige Regelung im Sinne der Wirte und Menschen findet.

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