Quo vadis, Blaulichter?

Foto: 123RF
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Blaulichtorganisationen mit ihren Zigtausenden Freiwilligen sind ein wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft. Sie leisten in ihrer ursächlichen Kompetenz über weite Strecken (im wahrsten Sinne des Wortes) gute Arbeit. In der Öffentlichkeit werden Rotes Kreuz, Samariterbund, Johanniter und Co. hauptsächlich in Berichten über Katastropheneinsätze und Rettungseinsätze positiv wahrgenommen. Ganz im Sinne des RK-Gründers Henry Dunant. Doch es gibt auch andere, vielfach unbekannte Seiten, wie uns zwei Informanten zugetragen haben. Und die haben es in sich.


Text: Roland Hofbauer

Die Sinnkrise ist symptomatisch. Das Rote Kreuz, der Samariterbund, die Johanniter und Co. befinden sich seit einiger Zeit in einer Art Wirtschaftskonflikt. Auf Landes- und Bundesebene kämpft jeder gegen jeden, alle gegen die Regierung und letzten Endes damit gegen die Steuerzahler, wie eine Branchenkennerin als Informantin von alles roger? erklärt. Weitestgehend abgeschirmt von der Wahrnehmung der Öffentlichkeit habe der kaum kon­trollierbare Föderalismus der Blaulichter zwischenzeitlich unfassbare Blüten getrieben, wie sie im Folgenden darstellt.

Dazu muss man freilich verstehen, wie die Strukturen der Blaulichter aufgebaut sind. Wichtig dabei ist, wem sie politisch nahestehen. Denn weder sind manche überparteilich, noch optimal organisiert. In Bundesorganisation sowie völlig autarken Landesorganisationen mit jeweils einer eigenen Finanzhoheit strukturiert, "ist man vorwiegend mit sich selbst beschäftigt". Oftmals hat offenbar die Freunderlwirtschaft vor allem in den Bezirksstellen entsprechenden Einfluss. Das heißt, jede Einheit macht im Wesentlichen, was sie will und ist am Ende niemandem wirklich Rechenschaft schuldig. Die zahnlosen Bundesorganisationen sind ohne Gesamtkonzept und eigentlich machtlos. Kein Unternehmen könnte so überleben.

Das Machtkonzept

Ein Beispiel für das Machtgehabe ist demnach der ehemalige Landeshauptmann und nunmehrige Landespräsident des Roten Kreuzes in Kärnten, Peter Ambrozy. Als Strippenzieher habe er es im Alleingang verstanden, in Kärnten den Mitbewerb klein zu halten. Weder der SPÖ-nahe Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) noch Johanniter, geschweige denn engagierte private Dienstleister hatten nach Recherchen von alles roger? nur geringe Chancen, sich zu etablieren.

Laut der ehemaligen Mitarbeiterin des Kärntner Roten Kreuzes hat der rote Ambrozy das Rote Kreuz über seine politischen Netzwerke faktisch sogar zu einem Monopolisten im südlichsten Bundesland gemacht. Das lasse die Vermutung zu, dass das Rote Kreuz in Kärnten nicht überparteilich ist, sondern sehr wohl der SPÖ nahesteht. Möglicherweise sogar näher als der ASB.

Selbstverständlich haben wir Herrn Ambrozy versucht zu kontaktieren und ihn mit den Anschuldigungen konfrontiert, doch der Landespräsident des Roten Kreuzes ließ die Antwortfrist ungenutzt verstreichen.

Natürlich schlägt sich das ertragsseitig beim Roten Kreuz positiv nieder. Denn wenig bis kein Wettbewerb bedeutet höhere Preise für die Kostenträger, die Krankenkassen und letzten Endes kommt dafür der Steuerzahler auf. Der einzige Profiteur ist die Landesorganisation des Roten Kreuzes.

Frauen kaum in Spitzenpositionen

Ein Blick in die Organigramme der Organisationen genügt, um zu erkennen, dass für Frauen in den Führungsriegen kaum Platz ist. Von neun Bundesländern steht gerade einmal im Burgenland eine Frau an der Spitze der Landesorganisation, überall sonst sind es Männer. Ähnlich ist das Verhältnis bei der Zweitbesetzung oder bei den Geschäftsführern. Praktisch genauso geht es beim Arbeiter-Samariter-Bund zu.

Unter dem "Machogehabe", wie es unsere Informantin nennt, leiden die Unternehmenskulturen. Das Prinzip "hire and fire" steht auf der Tagesordnung. Ehemalige Mitarbeiter berichten von zwischenzeitlich extrem schlechter Stimmung beim Wiener Roten Kreuz.

Das Geld hat kein Mascherl

"So gut wie kein Wettbewerb, siehe Kärnten, bedeutet unnötig hohe Preise für Dienstleistungen. Sämtliche Bemühungen privater Anbieter mit womöglich besserer Leistungsqualität zu erheblich günstigeren Preisen werden brutal im Keim erstickt", so die ehemalige Rot-Kreuz-Mitarbeiterin.

"Selbst die mächtigen Krankenkassen wagen es anscheinend nicht, sich gegen das Kärntner System zu wehren, obwohl sie wahrscheinlich Millionen einsparen könnten. Oft genannt wird in diesem Zusammenhang der Kärntner Obmann der Gebietskrankenkasse, Johann Lintner. Auf diese Art lässt sich das Kärntner Rote Kreuz vom Steuerzahler aus unserer Sicht quersubventionieren. Warum im Land Kärnten oder anderen Bundesländern nicht schon längst die erfolgreichen Sparprogramme der Krankenkassen in Wien umgesetzt werden? Womöglich liegt es nicht zuletzt am parteilichen Naheverhältnis der Machos."

Chaotischer Marktauftritt

Es gibt widersinniger Weise kaum vereinheitlichte Beschaffungsvorgänge über die Ländergrenzen hinweg. Synergien werden einfach nicht genutzt. Einheitlichen Marktauftritt gibt es sowieso keinen. So sehen zum Beispiel die Beklebungen der Einsatzfahrzeuge in Vorarlberg anders aus als jene in Niederösterreich.

Frei nach Befindlichkeit und individueller Interessenslage scheinen die jeweiligen Kaiser der Landesverbände zu bestimmen, wo es langgeht. Dass in den meisten Fällen bundesweit die Synergien nicht genutzt werden, ist ein "wirtschaftlicher Schwachsinn der Sonderklasse", meint die alles roger?-Informantin. Österreichweit werden Millionen Euro so nicht für die Hilfe eingesetzt, sondern gehen in den Weiten des Einkaufs verloren.

Unser zweiter Ansprechpartner, ein hochrangiger Mitarbeiter eines privaten Fahrdienstleisters, fasst zusammen: "Es ist ein Skandal, dass auf dieser Basis die Einnahmen aus Spenden, Förderungen und anderen Zuwendungen nicht mit der maximalen Effizienz eingesetzt werden. Sich auf das historische Wachstum der föderalistischen Gliederung, auf das Augenmerk der Regionalität zu berufen, ist lächerlich. Sparen ist eben nicht Sache der als Vereine strukturierten Blaulichter."

Mit Leichtigkeit könnten das Rote Kreuz und der Arbeiter-Samariter-Bund erhebliche Summen einsparen, wenn sie denn wollten oder müssten. Wieso die öffentliche Hand dem teilweise unsinnigen Treiben und der Geldverschwendung keinen Riegel vorschiebt, ist schwer zu verstehen. Die wirtschaftlichen Turbulenzen der Blaulichter sind hausgemacht. Die Lösungen der Probleme werden letzten Endes den Steuerzahlern umgeschnallt. Das kann es ja wohl nicht sein.

Die ehemalige Rot-Kreuz-Mitarbeiterin setzt fort:  "Es darf nicht übersehen werden, dass sich nicht nur die unterschiedlichen Blaulichtorganisationen um die Geschäfte regelrecht bekriegen. Egal ob diese in ihrer Kernkompetenz liegen, oder sie Ausflüge in die Welt des Wirtschaftslebens darstellen. Es grenzen sich die Landesorganisationen voneinander ab und ziehen so gut wie nie an einem Strang. Im Gegenteil, wo nur möglich neidet der eine dem anderen den Erfolg, den man gerne für sich selbst reklamieren würde. Es herrscht Chaos."

Mittel zum Zweck

Und weiter: "Virtuos spielen die Blaulichter auf der Medienklaviatur, um mit Tricks und Halbwahrheiten die Politik unter Druck zu setzen. Im Wesentlichen geht es offensichtlich immer um viel Macht und viel Geld. Kein Wunder, dass das Haushalten den Blaulichtorganisationen vielfach ein Fremdwort ist." Werden Budgets überschritten und drohen sogar Pleiten, werden zum Teil kurzerhand Kündigungen von offensichtlich nicht mehr gebrauchten Mitarbeitern medial wirksam angekündigt. alles roger? hat darüber berichtet.

Schon längst scheinen die Organisationen die Bodenhaftung verloren zu haben. Geschäftlich wollen sie als Big Player im Handel mit Heilbehelfen und Essenszustellungen mitmischen und verhalten sich doch wie Amateure. Ob Henry Dunant das so wollte? Wohl kaum.

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