Scientology im Selbstversuch

Foto: Picturedesk

Lokalaugenschein im Celebrity Center in Wien-Liesing. Wie funktioniert Scien-tology wirklich? Was finden Tom Cruise und John Travolta an der Zauberlehre? alles roger? wollte es genau wissen und wagte sich zum Aufnahmegespräch. Wir haben uns eigentlich mehr Sekte und weniger Menschlichkeit erwartet und waren äußerst überrascht. Wahnsinn, die Gehirnwäsche wirkt aber rasch.
Text: Roland Hofbauer

 

Vorab muss ich zugeben, dass ich kein besonders gläubiger Mensch bin, verurteile aber im Prinzip niemanden für seine Religion. Meine persönliche Religion ist ganz klar Rapid Wien, was aber hier nichts zur Sache tut. Über Scientology habe ich schon viel gelesen und gehört, meistens nichts Gutes. Dann habe ich im Fernsehen wieder einen Bericht über Tom Cruise und die ach so gefährliche Sekte Scientology gesehen und den Entschluss gefasst, mir selber ein Bild zu machen.

Telefonisch melde ich mich zu einem persönlichen Gespräch in der „Filiale“ in der Akaziengasse an, ich bekomme es unmittelbar einen Tag später. Die Burschen haben’s aber eilig, denke ich und gehe hin. Ich werde ausgesprochen freundlich empfangen, und ein Herr Blümel beginnt einen sehr lockeren Plausch mit mir. Ich erzähle viel über mich, bekomme aber auch jede Frage ausführlich beantwortet. Auffällig oft kommen die Worte Sicherheit, Familie, Gelassenheit und Glück vor, und sie spielen auch den restlichen Tag eine große Rolle.

Ich erfahre, dass Scientology in Österreich nicht als Kirche anerkannt wird, obwohl das im Rest Europas bereits flächendeckend der Fall ist. Ich bekomme einen kurzen Einblick in Dianetik und warum L. Ron Hubbard diese Glaubensrichtung gegründet hat. Umgekehrt werden die Faktoren meines kolportierten Unglücks eingehend besprochen. Herr Blümel ist ausgesprochen nett und verständnisvoll, er verfügt spürbar über eine sehr gute Menschenkenntnis. Er achtet penibel auf meine Körpersprache, ist keinesfalls fordernd, sondern sehr einfühlsam. Die Sprachmelodie ist angenehm, man hört ihm gerne zu. Es laufen viele Leute im Center herum, jeder lächelt, jeder grüßt freundlich, man bietet mir Kuchen an.

Nach eineinhalb Stunden frage ich, wie wir jetzt weiter tun, weil ich eigentlich recht interessiert bin. Daraufhin komme ich zum ersten Test, einer „Oxford Capacity Analysis“. Für 200 Fragen muss ich Rede und Antwort stehen, ähnlich wie bei den Tests in der Sonntagskrone. Ich soll mit „trifft sehr zu“, „mittel“ oder „gar nicht“, antworten. Es wird sehr viel nach Hass, Ängsten und persönlichen Gefühlen bei diversen Geschehnissen gefragt. Wie lange die Befragung dauert, kann ich nicht genau sagen, man ist sehr konzentriert und verliert ein wenig die Zeit aus den Augen. Nachdem ich fertig bin, kommt eine nette Dame und mein Bogen kommt in die Auswertung.

Ich werde von Herrn Blümel in die Bibliothek geführt, wir unterhalten uns noch ein bisschen weiter. Ich setze mich auf einen Sessel, der etwas höher ist, Herrn Blümel bleibt nur die tiefere Bank. Das ist ihm sichtlich nicht ganz recht, er erwähnt auch, dass gewöhnlich die Gäste auf der Bank Platz nehmen. Ich meine, ich sei ein Sesselfreund, und somit ist das Thema vom Tisch.

Die Auswertung dauert nicht allzu lange, danach wird mein Ergebnis besprochen. Ich habe deutliche Stimmungsschwankungen und weise in vielen Bereichen einen unakzeptablen Gefühlszustand auf. Man erläutert mir mein Diagramm und legt mir fürs Erste einen Einstiegskurs nahe. Ich bekomme einen Vertrag, mit dem ich einen Antrag auf Teilnahme für ein besseres Verständnis von Scientology stelle. In dem Vertrag sind genaue Anweisungen, Verbote und Hinweise angeführt. Der Text ist zum Teil ein bisschen kompliziert, aber keinesfalls Fachchinesisch oder mit versteckten Verpflichtungen versehen. Nach der Unterschrift wird mir ein Schulungsbuch für den Kurs „Auf und Ab“ überreicht und ich werde das erste Mal zur Kassa gebeten. 40 Euro kostet das Seminar, also durchaus überschaubar. Auch über kommende Kosten informiert man mich ausführlich, hier wird anscheinend mit offenen Karten gespielt. Ich lasse mir das Kursbuch hinterlegen und verspreche, es tags darauf abzuholen und mich wegen meines Kursbeginns zu melden. Als ich das nicht tue, werde ich von Herrn Blümel mehrfach kontaktiert, er bietet mir per SMS auch seine persönliche Hilfe an, falls ich in Schwierigkeiten stecken sollte. Sekte schaut für mich definitiv anders aus, ich kann die unzähligen Gerüchte und Diffamierungen nicht bestätigen, zumindest nicht in diesem Stadium.

Ich bin trotzdem kein Scientologe geworden. Meins ist das definitiv nicht, weil ich kein Gruppen- oder Glaubensmensch bin. Ich muss zugeben, ich hätte mir schon ein bisserl mehr Hokuspokus und mehr Sekte erwartet, hier war das nicht der Fall. Was ich aber definitiv weiß: Meine Religion bleibt Rapid Wien.

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