Vienna... Vienna... Tradition am Abgrund

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Es ist Feuer am Dach des Hohe-Warte-Stadions. Die Vienna musste Insolvenz anmelden. Während der älteste Fußballklub in Österreich vor Gericht ums Überleben kämpft, feiern die Spieler den Verein am Platz. Der Meistertitel ist in greifbarer Nähe. Was sie antreibt, und warum dem Verein dennoch das Aus drohen könnte, verrieten sie alles roger?.


Text: Martina Bauer


Sie krempeln sich die Stutzen hoch und ziehen sich die Dressen über. Die blau-gelben Dressen. Die, die für Tradition stehen und für den ältesten Fußballklub des Landes. Kurz: die Vienna. Gegründet als First Vienna FC 1894. Das sind 123 Jahre österreichische Fußballgeschichte. Das verbindet Stolz und Leidenschaft. Das ist wahre Motivation. Denn Geld haben Spieler und Trainer der Vienna schon seit Weihnachten keines mehr gesehen. Von Geldgier, die Fußballern so gerne attestiert wird, kann da keine Rede sein.

"Fußball ist mein Leben. Wir hoffen, dass es mit der Vienna weitergeht. Das ist ja nicht irgendein Verein. Das ist Kult. Ich bin stolz, dass ich hier Trainer sein darf", sagt Hans Kleer, und dabei funkeln seine Augen. Man sieht ihm an, dass er meint, was er sagt. Wenngleich auch ein Hauch von Sorge in seinem Gesichtsausdruck liegt.

Die Vienna musste Insolvenz anmelden. Dubiose Sponsor-Verträge mit dem deutschen Billigstromanbieter Care Energy, bei denen 75 Prozent der Gelder von der Vienna wieder zurückbezahlt werden mussten, sind nur ein Grund für das Desaster. Wobei mittlerweile auch der "Sponsor" insolvent ist.

Das überraschende Ableben des Präsidenten Martin Kristek und ein Sammelsurium anderer Fehler haben den Traditionsverein zusätzlich dorthin geführt, wo nun die entscheidende Schlacht des Klubs ansteht: vor Gericht. Es geht darum, ob die Gläubiger eine 30-prozentige Quote annehmen. Wenn nicht, ist es ganz aus. Das ist zweifelsohne das schwerste Spiel der Döblinger, und dessen Ausgang haben sie schon lange nicht mehr in der Hand.

Damit neue Sponsoren gefunden werden können, müsste der Verein mal aus dem Knebelvertrag mit Care Energy raus. Auf der Homepage der Vienna ist zu lesen, dass die diesbezüglichen Verträge bereits aufgelöst sind. So leicht wie es sich liest, ist das aber nicht. Dazu sagt Geschäftsführer Gerhard Krisch gegenüber alles roger?: "Wenn Care Energy von uns was will, dann muss deren Masseverwalter das bei unserem Masseverwalter anmelden. Ich habe den Vertrag aufgelöst." Für gewöhnlich können Verträge nicht einseitig gekündigt werden. Bleibt nur zu hoffen, dass Care Energy das so akzeptiert.

Dabei könnte es so schön sein auf der Hohen Warte. Der Meistertitel ist in greifbarer Nähe. Und damit ginge es endlich wieder von der Regionalliga Ost in die erste Division. Stattdessen geht's in den Keller. Titel hin oder her, der Abstieg ist so gut wie fix. Außer es geschieht ein Wunder. "Natürlich könnten der ÖFB und die Landespräsidenten eine Ausnahme machen. Aber der Burgenländer hat bereits angekündigt, dass er an den bestehenden Gesetzen festhalten möchte", erklärt Kleer gegenüber alles roger?. Kein Wunder. Wenn die Vienna absteigen muss, wird so gut wie sicher Ritzing aufsteigen. Und das liegt im Burgenland.

Selbst wenn die Vienna Meister werden würde, wäre es wohl der Titel mit dem bittersten Beigeschmack. Auch für die Spieler. Das sind die wahren Helden des Vereins. Im Jänner wurde ihnen die Vertrauensfrage gestellt. Bis auf zwei Kicker sind alle geblieben. Eren Keles wurde an Rapid verkauft, ein anderer wollte weg.

Was den Rest antreibt, trotz dieser unerfreulichen Situation jeden Tag aufs Neue zu trainieren und bei den Spielen alles zu geben, erklärt Kevin Krisch so: "Tradition ist bei uns ein großes Thema. Es ist etwas Besonderes, bei der Vienna spielen zu dürfen. Wir können doch nicht den ältesten Verein des Landes vor die Hunde gehen lassen. Außerdem kenne ich meinen Vater. Ich bin mir sicher, dass alles wieder gut wird." Krisch ist Innenverteidiger und Sohn des Geschäftsführers.

Ähnlich sieht das Jiri Lenko. Der linke Verteidiger erklärt: "Wir machen unseren Job, und das ist auch Charaktersache. Wir sind Profis und haben Verträge. Darum müssen wir einfach immer unser Bestes geben. Der Rest ist Sache des Vorstandes, in den ich vollstes Vertrauen habe. Einfach ist das natürlich nicht, aber wir müssen das akzeptieren, weil wir die Geschehnisse im Verein ohnehin nicht beeinflussen können. Dafür wollen wir am Platz glänzen."

Auch für den Stürmer Janick Szhibany war ein Abgang nie Thema. Dazu sagt er: "Ich bin ja erst im Sommer des letzten Jahres gekommen. Wir müssen einfach am Platz Gas geben, damit wir eine gute Zukunft haben. Das sind wir auch den Fans schuldig. Mir macht es Spaß, bei der Vienna zu spielen, trotz der Umstände."

Leicht haben sie es nicht, die Burschen. Dafür haben sie umso mehr Charakter. Sie wissen, welchen Wert die Vienna hat. Es gibt nicht viele Vereine in Wien, die sich so sehr in der Nachwuchsarbeit engagieren. Vor allem auch für Kinder mit Migrationshintergrund. Die

Vienna pflegt gelebte Integration. Dort haben schon viele Nachwuchskicker eine Heimat gefunden, die ansonsten an weniger schönen Orten gelandet wären.

Der Stadt Wien scheint das nicht viel zu bedeuten. Von ihr kam bis dato keine Unterstützung. Wobei man doch nur etwas Geld, das man in fragwürdige Islam-Kindergärten pumpt, abzweigen müsste. Aber das ginge ja mitunter gegen die eigenen Interessen. "Die Stadt würde auf der Hohen Warte, die im übrigen die schönste und größte Natur-Arena Europas ist, am liebsten Luxus-Wohnungen bauen und sich so selbst sanieren", sagt ein Insider gegenüber alles roger?, der namentlich nicht genannt werden möchte.

Noch sind die Schlachtrufe lauter als die Unkenrufe. Zu hoffen ist, dass das auch nach Ende dieser Saison so bleibt. Jetzt sind die Wiener Fußball-Patrioten gefordert. Auch jene, die schon Lippenbekenntnisse abgegeben haben. "Es gibt einige, die gesagt haben, wenn die Vienna wirklich Hilfe braucht, dann sind wir da. Jetzt ist die Zeit", appelliert Trainer Hans Kleer mit fast schon flehendem Unterton. Rapid hat für die gute Sache bereits ein Freundschaftsspiel mit der Vienna absolviert. Vielleicht haben ja auch andere noch rettende Ideen. Tradition darf nicht sterben, und die Vienna schon gar nicht!

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