Teil 1: Das Attentat

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Ein Fortsetzungsroman von Andrea Fehringer & Thomas Köpf

Felix Schatten verdiente sein Geld, indem er Leute umbrachte. Seine Spezialität war der Kopfschuss. Präzisionsarbeit aus der Ferne. Er benutzte ein mit Stickstoff gekühltes Spezialgewehr, das keine herkömmlichen Patronen abschoss, sondern Projektile aus Eis. Die gefrorenen Kugeln hatten den Vorteil, dass sie den Schädel des Zielobjekts durchschlugen und dann schmolzen. Man hinterließ keine Spuren. Heute war so ein Tag. Kalter Einsatz, oder wie er es nannte: Eistag. Felix Schatten war aufgeregt, unüblich für jemanden wie ihn. Normalerweise atmete er aus und drückte den Abzug, ganz ruhig. Diesmal bemerkte er, wie das Adrenalin heiß durch seinen Körper floss. Der Auftrag hatte Pep. Nicht alle Tage erschoss man einen Minister.

Es war ein Dienstagnachmittag, für Sommer erstaunlich kühl. Über Wien hing eine hellgraue Wolkendecke. Er lag auf dem Dach eines Palais an der Ringstraße und spähte durchs Zielfernrohr hinunter auf die andere Straßenseite. Im Fadenkreuz sah er den Eingang des Ritz-Carlton, davor einen Leibwächter mit Mikro-Stöpsel im Ohr, noch einen. Beide blickten mit raubvogelartiger Gelassenheit um sich. Dann Alfred Gastbauer. Früher Gynäkologe, heute Gesundheitsminister. Er stieg aus einem schwarzen Audi und half einer Blondine im Minirock aus dem Wagen. Sie war nicht seine Frau.

Felix Schatten stellte das Vergrößerungsrad am Gewehr eine Stufe höher und sah Gastbauers faltige Stirn. Er würde die Schläfe nehmen, nicht die Wange. Die Schläfe war sicherer. Er wartete auf den idealen Moment. Wenn das Zielobjekt innehielt. Er konnte voraussehen, wann und wie sich jemand bewegte. Der Minister flüsterte der Frau etwas ins Ohr, und sie kicherte. Er ließ sich Zeit, bis der Page die Tür aufmachte. Für einen Augenblick blieb er stehen. Genau da zog Felix Schatten den Abzug und schickte sein Geschoss auf die Reise.

_____

»Du kannst so tun, als wärst du meine Cousine«, sagte Alfred Gastbauer. Sie lachte. Gelber Minirock, High-Heels und eine weiße Bluse, offen bis zum Nabel. Man konnte seitlich die Brüste sehen. Die Frau zwinkerte ihrem Minister zu. Sie hatten drei Stunden, dann würde er sich zu BioPharm chauffieren lassen. Er musste die Sache mit dem Impfstoff bereden. Es würde eine Revolution in der Medizin geben. Ein Serum gegen eine Krankheit, die es noch nicht gab. Die aber kommen würde. Ja, das Fleischfieber würde sich verbreiten, daran bestand kein Zweifel. Das Fleischfieber über Wien, Österreich, Europa, eine Pandemie. Er musste unbedingt den Badewitz anrufen, er hatte vor einer Stunde um Rückruf gebeten.

Gastbauer fischte sein Handy aus der Innentasche des Sakkos und wollte schon wählen, dann sah er den Blick seiner sogenannten Cousine, er war nicht auf seine Augen gerichtet und erschreckend unanständig. Der Minister steckte sein Handy wieder ein. Business kam später, jetzt war Vergnügen angesagt. Die Leibwächter sollten vor der Suite warten. Seit den Morddrohungen folgten sie ihm auf Schritt und Tritt, und er fand das irgendwie cool. Mein Secret Service, dachte Gastbauer, ich bin wie der amerikanische Präsident. Nur hatte der keine Gina, dreiundzwanzig, Herkunft östlich von Prag, besonderes Merkmal: unersättlich.

Er musste höllisch aufpassen, dass seine Gespielinnen schwiegen und nicht auf die Idee kamen, außer mit ihm auch noch mit den Medien zu kokettieren. Wie die vorige, die Rumänin. Es hatte fünfzigtausend Euro gekostet, dass sie das Maul hielt, aber mein Gott. Das war der Spaß allemal wert. Der Hotelpage hielt ihm die Tür auf. Er wartete.

Machte einen Schritt vor. Und knickte mit dem Knöchel um.

Ein Knall. Die Glastür des Hoteleingangs zersprang in Stücke, Scherben rieselten auf das Kopfsteinpflaster. Die Bodyguards fuhren herum, einer zog mitten in der Drehung eine Glock aus seinem Sakko. Der zweite warf sich auf Gastbauer, um ihn zu schützen. Die Blonde im Minirock schrie, Fußgänger blieben stehen, ein Mann duckte sich, jemand rief: »Auf den Boden! Runter auf den Boden!« Eine alte Frau kreischte. Ein Mädchen versteckte sich unter einem Lieferwagen.

Gastbauer bekam im Schock kaum Luft. »Was zum …«

Wieder ein Schuss. Noch einer. Und noch ein Knall. Der Leibwächter, der wie ein Schild auf dem Gesundheitsminister lag, brüllte und fuhr sich an den Hals. Blut quoll zwischen seinen Fingern hervor. Gastbauer kroch unter ihm weg, zappelte Richtung Eingang. Auf allen Vieren schaffte er es ins Hotel. Menschen rannten mit verzerrten Gesichtern in alle Richtungen. Nach zwanzig Sekunden war alles vorbei. Gastbauer dachte: So überlebt man also ein Attentat. Mit einem verstauchten Knöchel. Umknicken, vom Schicksal gerettet. Gott liebt mich, dachte er. Gott braucht mich.

An Sex dachte er nicht mehr. Die Lust war ihm vergangen. Obwohl er im Schock war, verhielt er sich erstaunlich gefasst. Er musste klar denken. Zu viel stand auf dem Spiel. Im günstigsten Fall ein Umsatz von drei Milliarden Euro und mindestens dreißig Millionen Anzahlung. Er griff wieder zum Handy und wählte nun doch die Nummer von Claus-Jürgen Badewitz, dem Vorstandsvorsitzenden von BioPharm. Ohne zu grüßen, sagte er: »Auf mich wurde gerade geschossen.«

»Um Gottes willen, Alfred! Ist dir was passiert?«

»Nein, alles bleibt, wie geplant.«

»Meinst du nicht, dass du …«

»Ich habe gesagt, alles bleibt, wie wir das ausgemacht haben.«

»Natürlich, ganz wie du willst.« Der Pharmaboss war erstaunlich unterwürfig.

Gastbauer sprach mit eiserner Entschlossenheit. »Wir werden das Mittel rausbringen. Am Montag.«

»Aber –«

Er unterbrach das Gespräch. Im Foyer starrten ihn die Leute an. Ein Polizeiwagen mit Blaulicht bremste mit quietschenden Reifen vor dem Hotel. Zwei Polizisten kamen angelaufen. »Was ist hier los!«

_____

Felix Schatten war das noch nie passiert. Das konnte nicht sein. Er hatte sein Ziel verfehlt. Unten Chaos. Auf der anderen Straßenseite stoben die Menschen kreischend auseinander. Er setzte sich auf, schraubte das Spezialgewehr auseinander und verpackte die Teile in einer Tasche. Dann drückte er das grüne Symbol auf seinem iPhone.

»Hallo?«

»Es ist schiefgelaufen.«

»Ich weiß«, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung. »Er hat überlebt.«

»Woher wissen Sie das?«

»Weil er mich gerade angerufen hat«, sagte Claus-Jürgen Badewitz. »Sie werden den Auftrag zu Ende bringen.«

»Okay«, sagte Felix Schatten. Er hörte Polizeisirenen. Sie kamen, und er verschwand.

_____

Amelie Schatten hatte Trüffel-Risotto gekocht. Dazu ein fulminanter Chardonnay. Das Abendessen stand bereit. Es duftete köstlich. Kerzen am Tisch. Gleich würde Felix heimkommen. Für den fünften Hochzeitstag hatte sie rote Dessous gekauft. Es gab was zu feiern, nach dem Dinner. Felix war ihr Traummann. Der Arme hat sehr viel zu tun in letzter Zeit, dachte sie. In der Beratungsfirma, für die er tätig war, schickten sie ihn oft zu Kunden, über die er, wie er sagte, nichts erzählen durfte. Man hatte Stillschweigen vereinbart. Absolute Diskretion. Wie bei einem Geheimagenten, dachte sie und schmunzelte. Als sie am Spiegel vorbeikam, lockerte sie ihre brünette Mähne auf. Sie strich sich über die Taille. Nicht schlecht, sagte sie zu sich.

Es läutete.

Mein Schatz, dachte sie.

Sie öffnete die Tür.

Ein fremder Mann stand da. Grauer Anzug. Graue Krawatte. Fahl wie der Tod. Glatze.

Er hatte eine Pistole mit Schalldämpfer in der Hand und sagte: »Wo ist der Eismann.«

Fortsetzung folgt »»

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