Teil 5: Der Tod

Foto: 123rf

Ein Fortsetzungsroman von Andrea Fehringer & Thomas Köpf

Es klopfte dreimal, tock-tock-tock. »Zimmerservice«, sagte eine Frauenstimme.

Felix Schatten drehte sich in dem King-Size-Bett zu Amelie, die in einem Meer aus weißen Polstern lag, das Leintuch halb über die Brüste gezogen. »Hast du was bestellt?«

Seine Frau schüttelte den Kopf. »Nein. Wieso?«

Er stieg aus dem Bett, ging vom Schlafzimmer quer durch die großzügig angelegte Hotelsuite bis zum Eingang und lugte durch den Türspion. Draußen auf dem Gang sah er eine junge Blondine stehen. Sie trug die Uniform eines Zimmermädchens und ein Häubchen auf dem Kopf.

»Wir haben nichts bestellt«, sagte Felix durch die geschlossene Tür. Sein Beruf war es, Menschen umzubringen, und solche Situationen waren verdächtig. Zufälle gab es in seinem Metier so gut wie nie, und Absonderlichkeiten waren in der Regel tödlich.

»Ein Geschenk des Hauses. Veuve Clicquot für die Honeymooner«, sagte das Zimmermädchen. Felix und Amelie hatten beim Einchecken angegeben, sie würden ihre Flitterwochen in Wien im Hotel Le Méridien verbringen, in der Annahme, man würde sie in Frieden lassen. »Die Direktorin schickt mich, Frau Petz.« Ihr natürliches Lächeln überzeugte Felix.

»Moment«, sagte er und suchte seine Jeans. Er schlüpfte hinein, griff zu seiner Heckler & Koch und entsicherte sie.

»Schatz, was ist?« Amelie hatte die Augen aufgerissen. Dass sich ihr Ehemann vor drei Tagen als jemand anderer entpuppt hatte als der Mensch, mit dem sie seit dreizehn Jahren verheiratet gewesen war, hatte ihr den Boden unter den Füßen weggezogen. Das frühere Leben gab es nicht mehr; jetzt waren sie auf der Flucht. Mit einem Virus im Gepäck, den die Medien Fleischfieber nannten. Weil es die Menschen von innen heraus verbrannte.

Felix sah wieder durch den Spion. Das Zimmermädchen stand immer noch da. Er öffnete die Tür. Sie deutete einen Knicks an und rollte den Beiwagen ins Zimmer. Darauf stand ein Sektkühler mit einer Flasche Champagner drin.

»Soll ich ihn für Sie aufmachen?«, fragte die junge Frau. Sie war außerordentlich schön und wirkte scheu. Kat stand auf dem Namensschild neben ihrem Ausschnitt. Sie merkte, dass Felix drauf schaute, und sagte: »Kat, wie Pussycat. Nur mit K.« Sie trug eine Cartier-Uhr am Handgelenk.

Felix nickte beiläufig, drehte sich um und wollte zu Amelie gehen. Genau in dem Moment sah er aus dem Augenwinkel, wie das Zimmermädchen auf dem Rollwagen zwei Stoffservietten aufschlug und nach vorne griff. Wahrscheinlich war es ein Reflex oder jahrelanges Training, eine gesteigerte Wahrnehmung in Bezug auf die Uhr, die für eine Bedienerin zu teuer wirkte. Oder es war einfach nur Glück, dass Felix einen Schulterblick zurück zu dieser Kat »wie Pussycat, nur mit K« warf und sah, dass sie eine schallgedämpfte Skorpion zog und eine ausholende Geste mit dem Arm machte, um die Maschinenpistole auf Felix zu richten. Schon während dieser fließenden Bewegung drückte sie den Abzug, und das Rattern begann. Es war, als würde der Tod stottern. Trrrt-trrt-trrt-trrt-trrrt.

Amelie schrie. Felix überlegte in solchen Situationen nicht. Sein vegetatives Nervensystem steuerte die Abfolge der Bewegungen automatisch. Zeit, sich zu wundern oder das Hirn Wenn-Fragen formulieren zu lassen, war keine. Alles geschah für ihn in Zeitlupe. Er trat gegen den Rollwagen. Er wich der ersten Garbe aus, indem er sich unnatürlich weit nach hinten bog, während sechs Projektile einen halben Zentimeter an seinem Brustkorb vorbeizischten. Er rollte sich nach links hinten ab. Er hechtete über das senfgelbe Sofa, schoss hinterrücks mit seiner Pistole, und vielleicht drei Zehntelsekunden danach, schlugen genau an der Stelle, wo er gestanden hatte, die nächsten Kugeln ein. Geschosse durchsiebten die Wand fächerförmig. Die Skorpion ist eine erstaunliche Waffe im Nahkampf. Tschechisches Fabrikat. Zwanzig Schuss. Jetzt war das Magazin leer. Amelie ließ sich in der Zwischenzeit aus dem Bett fallen und robbte Richtung Badezimmer. Das Zimmermädchen wechselte das Magazin. »Hör zu«, sagte die Killerin keuchend in den Raum. »Es gibt eine Variante, bei der wir alle drei gewinnen. Wir drei verlassen das Hotel lebend. Wie hört sich das an, Mister Honeymoon?«

Felix kroch hinter der Couch weiter nach rechts. »Unglaubwürdig.«

»Nein, wirklich. Ich schwör’s. Indianerehrenwort von Kat. Pass auf, der Deal geht folgendermaßen. Du überlässt mir die Phiole mit dem Virus. Ich brauche sie. Das ist mein Auftrag. Ich muss sie ihnen bringen.«

»Wer ist ihnen?«

»Sei kein Scherzbold. In unserer Branche ist der Auftraggeber unsichtbar.«

Felix musste Zeit gewinnen. Sein Blick scannte den Raum. Keine Wurfwaffe, nur High-Heels. »Ich kann dir die Phiole geben«, sagte er und griff sich einen von Amelies Stöckelschuhen. Er hob den Kopf und sah die blonde Killerin, die hinter einem Couchsessel in Deckung gegangen war. Als er aufstehen wollte, ratterte die Skorpion wieder los. Felix schoss seitlich zurück, wusste aber, dass er diesen Kampf nicht gewinnen konnte. Er warf den Schuh in die andere Ecke der Suite. Zur Ablenkung. Kat drehte den Kopf zur Seite, nur kurz, aber lange genug, dass Felix aufspringen konnte und im Hechten auf sie schoss. Klack. Ladehemmung. Er krachte auf den Glastisch, der erstaunlicherweise nicht zersprang. Lag da. Wehrlos.

»Pech gehabt, Eismann«, sagte das Zimmermädchen. »Hättest dir eine andere Dienstwaffe zulegen sollen. Nicht so ein Spielzeug. Sondern was Gescheites.« Mit der Skorpion zielte sie von oben auf sein Gesicht, und dann machte es einen dumpfen Knall. Kats Kopf flog zur Seite. Amelie hatte ihr den Sektkübel mit voller Wucht gegen die Schläfe geknallt. Die junge Frau taumelte, ihre Knie gaben nach, sie sank zusammen. Mit dem Hinterkopf schlug sie auf der Tischkante auf. Und war auf der Stelle tot.

»Wow«, sagte Felix. »Schatzi, in dir stecken ungeahnte Talente.«

Unter dem Kopf des Zimmermädchens bildete sich eine rote Lacke. Es sah aus wie verschütteter Tomatensaft. Für Amelie war es der erste Mord, eigentlich Selbstverteidigung mit Todesfall, also Totschlag. In der Hitze des Gefechts war allerdings beiden, ihr und Felix, ein entscheidender Punkt entgangen. Die Phiole im Rucksack war zerbrochen. Die Luft, die sie einatmeten, die Luft, die im Zimmer einen leisen Duft von Sandelholz und Patschuli verströmte, war der Hauch des Todes. Fleischfieber riecht man nicht, wenn es ausbricht. Felix sah Amelie an, sie sah ihn an, und er schüttelte langsam den Kopf. Was soviel hieß wie: Nein, es gibt kein Gegenmittel.

_____

Leyla Fendi saß im Zug nach Wien. Fluchtartig hatte sie Zürich verlassen, weil ihr Freund, ihr Lover, ein Verräter war. Als Mikrobiologin, sie zählte zu den führenden weltweit, wusste Leyla alles über die DNS jedes Erregers; über niedere Instinkte des Menschen wusste sie nichts. Im Zuge ihrer Arbeit für den Forschungskonzern Euro-Sana war sie zufällig auf die Sache gestoßen. Eine kodierte Datenbank führte sie auf die Spur von BioPharm. Das Wiener Unternehmen hatte mit dem österreichischen Gesundheitsminister Alfred Gastbauer, der gestern getötet wurde, einen neuen Impfstoff auf den Markt bringen wollen, bei dem es aber Probleme gab. Es war nicht ersichtlich, wogegen er helfen sollte, parallel dazu brach in Europa ein neues Virus aus, etwas künstlich Erzeugtes. Leyla brauchte nicht lange zu recherchieren, bis klar war, dass die Sache zum Himmel stank. Drei Milliarden Euro schauten für BioPharm dabei raus. Sie brachten das Fleischfieber in Umlauf und wollten an der Heilung verdienen. Dafür sollten achtzigtausend Menschen draufgehen. Um den Pegel der Panik hochzuhalten. Nachdem Leyla versucht hatte, die Sache auffliegen zu lassen, lief alles aus dem Ruder. Ihr Freund hatte sie in der Seilbahn mit einer Waffe bedroht. Das konnte alles nicht wahr sein.

Als sie jetzt im Zug nach Wien fuhr und diese verrückten Stunden an ihr vorüberzogen, schemenhaft wie die Landschaft draußen, betrat ein Mann das Abteil. »Ist da noch frei?«, fragte er. Leyla zuckte die Schultern. Angst brandete auf in ihr. Ihr Puls schlug doppelt so schnell, sie bekam kaum Luft. Der Mann hatte eine Narbe auf der Stirn. Er sah sie an und nickte. »Alles in Ordnung mir Ihnen?« Sie brachte keinen Ton heraus, nickte schnell. Der Mann nahm eine braune Ledertasche auf den Schoß, öffnete sie. War das ein Messer? Er griff hinein, holte zwei Fotos hervor und sagte: »Meine Kinder, Paul und Eva-Marie. Ich bin Kinderarzt. Und was machen Sie so beruflich?« Entwarnung, Leyla atmete tief durch. Nur die Nerven. Der Mann war ein ganz normaler Passagier auf der Strecke nach Wien. Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen. Schlaf ist der kleine Bruder des Todes, dachte sie.

_____

Als Felix seine Frau in den Armen hielt, sie wussten beide nicht, was sie jetzt tun sollten, blinkte sein Einsatzhandy. Neuer Auftrag für den Eismann. Zielperson … ein Foto wurde übertragen … das Bild einer dunkelhaarigen Frau mit Pferdeschwanz und Brille, dazu zwei Wörter. Leyla Fendi. Felix sagte der Name nichts. Obwohl. Doch. Irgendwo hatte er den Namen schon einmal gehört. Früher, als Amelie und er das Virus noch nicht in sich trugen. Als sie noch keine tickenden Zeitbomben waren.

Er sah auf die Uhr. »Wir haben sechzehn Stunden«, sagte er zu seiner Frau und stellte den Countdown.

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