Teil 6: Die Hoffnung

Foto: 123rf

Ein Fortsetzungsroman von Andrea Fehringer & Thomas Köpf

Sechzehn Stunden sind nicht viel, wenn man ein tödliches Virus in sich hat, und einen ein skrupelloser Pharmachef und ein paar Tote vom Gegenmittel trennen. Geografisch waren Felix Schatten und seine Frau nur ein paar Hundert Meter vom Weiterleben entfernt. Das Hauptgebäude von BioPharm stand in einer Gegend von Wien, die man Erdberg nennt. So wie den Haufen, den man über die Särge schaufelt, wenn man unter der Erde liegt. Felix Schatten hatte nicht vor, dort zu landen. Felix Schatten hatte etwas ganz anderes vor.

»Mach dir keine Sorgen«, murmelte er und strich Amelie übers Haar. Sie zitterte. Kein Wunder, dachte er und betrachtete den reglosen Körper der jungen Frau vom Zimmerservice des Hotel Le Méridien, die Amelie gerade mit einem Sektkübel erschlagen hatte. Aus Notwehr, das schon, trotzdem. Für eine behütete Ehefrau, die sie noch vor ein paar Stunden war, hatte sich Amelie gut gehalten. Sie hatte erfahren, dass ihr Mann ein Spion und Killer war, war gefoltert worden und jetzt auf der Flucht. Ihr altes Leben gab es nicht mehr, ihr neues würde nicht mehr lange dauern, wenn sie das Heilmittel gegen das Fleischfieber nicht bald bekamen. So ein bisschen Zittern war da wohl das Mindeste. »Mach dir keine Sorgen«, wiederholte er, fast mehr für sich als für sie.

Seine Lage war nicht sehr aussichtsreich. Felix Schatten war ein Auftragskiller. Erstes Ziel: Gesundheitsminister Alfred Gastbauer. Der musste weg, damit BioPharm-Capo Claus-Jürgen Badewitz wieder ruhig schlafen konnte. Ohne den Minister wäre die Zulassung für den Wirkstoff gegen das Fleischfieber ein so langwieriger wie aufwändiger Prozess gewesen. Ohne das Virus für das Fleischfieber wiederum war der Wirkstoff, mit dem er drei Milliarden verdienen wollte, völlig sinnlos. Wo keine Krankheit, da keine Notwendigkeit für eine Heilung. Gastbauer hatte seine Aufgabe erfüllt. Ganz im Gegensatz zu Felix Schatten. Er hatte den Politiker verfehlt. Wobei: Die Arbeit hat mittlerweile ein anderer für ihn erledigt. Schattens neues Ziel: Leyla Fendi. Die Biochemikerin war Badewitzens hässlichem Plan auf die Spur gekommen und drauf und dran, sich mit BioPharm-Konkurrenz Euro-Sana ins Benehmen zu setzen. Wenn ihr das gelang, konnte Badewitz einpacken. Ein Gedanke, der Felix Schatten mehr und mehr gefiel. Und jetzt, wo das Virus tatsächlich in die Welt gesetzt und dabei war, eine Epidemie auszulösen, musste er vor Badewitz auch nicht mehr den Loyalen spielen. Loyal war er immer nur einer gegenüber gewesen. Der Institution für Sonderoperationen. Der Einsatztruppe gegen globale Gefahren. IOS. Das waren die drei Buchstaben, denen er sich verpflichtet fühlte. Es war Zeit, die Karten aufzudecken.

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Leyla Fendi sah sich das Foto an. Ein Schnappschuss, wie jeder Zweite ihn in der Brieftasche hatte. Paul und Eva-Marie hatte der Mann gesagt und auf jeweils auf eines der Kinder gezeigt, als könne sie Bub und Mädchen nicht unterscheiden. Er hatte sich als Kinderarzt vorgestellt, als er ins Abteil gekommen war. Höflicher Mann. Obwohl. Als er das Foto aus der braunen Ledertasche auf seinen Knien genommen hatte, hätte Leyla wetten können, er hole ein Messer heraus. War auch nicht so weit hergeholt bei allem, was ihr passiert war. Sie war hinter eine unfassbare Schweinerei gekommen, die achtzigtausend Menschen das Leben kosten könnte. Ihr Freund Leon hatte ihr die Phiole mit dem Virus gestohlen, damit ein Flugzeug zum Absturz und das Fleischfieber in Umlauf gebracht und ihr Treffen mit Konrad Rosenheimer verhindert. Gemeinsam mit dem Euro-Sana-Boss hätte sie BioPharm auffliegen lassen können. Allein war sie ein Niemand. Ein Niemand im Zug von Zürich nach Wien. Das war Plan B gewesen. »Sollte ich nicht zum Treffpunkt kommen können, fahr nach Wien«, hatte Rosenheimer gesagt, »dort werde ich dich schon finden.«

Ja?, dachte Leyla, wie denn?

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Claus-Jürgen Badewitz nahm einen Schluck von seinem Whiskey. Es war kurz nach vier am Nachmittag, die Firma noch voll besetzt, üblicherweise trank er nicht um diese Zeit. Aber heute. Liefen nicht schlecht, die Dinge, da konnte man sich schon einen Schluck genehmigen. »Prost, mein Freund«, sagte er.

Leon ließ die Eiswürfel in seinem Glas klirren. Er hob es Badewitz entgegen und führte es zum Mund, trank aber nicht. Er brauchte heute noch einen kühlen Kopf, wie er das sah. Badewitz war ein Arschloch, da musste man auf der Hut sein, wenn man sich auf immer in die Karibik absetzen wollte. Und genau das wollte Leon. Weg vom Fleischfieber. Weg aus Europa. Weg von Leyla. Verzeih mir, Süße, dachte er, die Zeit mit dir war nicht einmal schlecht, aber auf Antigua wartet Javier auf mich, und mit dem kannst du leider nicht mithalten.

»Und du bist sicher, dass man nichts mehr bei ihr finden wird?«, fragte Badewitz.

»Kann ich mir nicht vorstellen«, sagte Leon.

»Ich will nicht hören, was du dir vorstellen kannst. Ich will hören, dass nichts mehr zu holen ist in Zürich.«

»Nichts«, sagte Leon. »Außer für eine Abrissfirma. Das war ein massiver Bau, von Leylas Wohnung ist nur noch Schutt übrig, aber ein paar Mauern stehen noch.«

»Stümper«, sagte Badewitz und lächelte hinter seinem riesenhaften Schreibtisch hervor.

»Mein Flieger geht um acht«, sagte Leon.

Badewitz machte nicht den Eindruck, als ginge ihn das was an.

»Also«, sagte Leon. »Bitte. Wo ist das Geld?«

»Ach, das Geld!« Badewitz machte auch jetzt nicht den Eindruck, als ginge ihn das was an.

»Und das Gegenmittel«, sagte Leon. »Nur zur Sicherheit.«

»Und das Gegenmittel.« Endlich bewegte sich Badewitz. Er schwang in seinem Chefsessel nach vorne und bewegte eine massive Figur auf dem Tisch. Es war eine ausgesprochen hässliche Figur. An der gegenüberliegenden Wand schwang eine Tür auf, hinter der ein Tresor sichtbar wurde. Der BioPharm-Boss wuchtete sich aus seinem Sessel, ging durch den Raum, als würde er eine Division abschreiten, öffnete den Safe und nahm einen beigen Arztkoffer heraus, den er Leon vor die Füße fallen ließ.

Leon fischte ein ledernes Etui heraus wie es früher Morphinisten benutzt hatten, die etwas auf sich hielten. Er machte es auf und schaute den Inhalt fast liebevoll an. Eine Spritze. Eine Ampulle. Tupfer. Alles da.

»Ich hoffe, wir sehen uns nie wieder«, sagte Badewitz und trank seinen Whiskey leer.

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Leon hatte sich einen Platz in der ersten Klasse gegönnt. Der Flug nach Antigua war lang, und er hatte nicht viel geschlafen in letzter Zeit. Nach einem Glas Champagner holte er das vornehme Lederetui aus seinem Trolley. Man solle das Präparat nur nehmen, wenn man sich tatsächlich mit dem Fleischfieber angesteckt hat, hatte ihm ein BioPharm-Mediziner erklärt. War man nicht infiziert, konnte das Gegenmittel zu Atemlähmungen führen. Wie er denn erkennen könne, wann er es sich spritzen müsse, hatte Leon wissen wollen. An den schwarzen Flecken auf der Haut, hatte der Arzt gesagt.

Leon nahm die kleine Ampulle heraus und betrachtete sie gegen das Licht. Für einen Haufen Leute würde die hellgelbe Flüssigkeit die letzte Rettung sein. Er drehte das Fläschchen, um die Aufschrift lesen zu können. Gleich darauf erstarrte er. Vitamin B12 stand da. Er hielt die Phiole noch etwas höher, er musste sich geirrt haben. Der Ärmel seines Sweatshirts rutschte nach unten. Unterhalb seines Handgelenks war ein Fleck auf seiner Haut. Groß wie eine Zwei-Euro-Münze. Und schwarz.

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»Amelie, Schatz.« Felix Schatten tätschelte die Wange seiner Frau.

Sie öffnete die Augen. »Hab ich geschlafen?«

»Ein bisschen«, sagte Felix. »Wir müssen gehen.«

»Wir«, murmelte Amelie. Mehr brauchte sie nicht zu wissen.

Felix Schatten kramte ihr Handy aus ihrer Handtasche. Seines hatte er vorsorglich im Klo ertränkt. Er wählte eine Nummer und wartete aufs Freizeichen. Leyla würde ihn sofort erkennen, da war er sicher. Es war lang her, aber den Klang der Stimme eines geliebten Menschen vergaß man nicht. Hoffentlich hatte sie alles Übrige vergessen. Ohne Leyla waren er und Amelie in vierzehn Stunden tot.

Fortsetzung folgt »»

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