"Das Wichtigste ist, den Kontakt zu halten."

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Wenn sich Jugendliche radikalisieren, sind Eltern, Lehrer und Freunde meist ratlos. Die Beratungsstelle Extremismus von bOJA, dem bundesweiten Netzwerk Offene Jugendarbeit, die vom Bundesministerium für Familien und Jugend finanziert wird, hilft weiter. Im Interview erklärt die Leiterin Verena Fabris, warum sich Jugendliche extremen Gruppierungen anschließen. Und was man dagegen tun kann.


Wie viele Menschen rufen bei der Extremismus-Hotline an?
Wir haben seit Bestehen, also seit 1. Dezember 2014, 1.800 Anrufe, davon etwa 1.000 Erst-anrufe, es gibt also Personen, die öfter anrufen.

Wer arbeitet bei der Beratungsstelle?
Wir haben vier Personen in der Beratung: eine klinische Psychologin, einen Psychotherapeuten in Ausbildung, eine Kultur- und Sozialan-thropologin und eine Psychologin, die auch Erfahrungen im Bereich der Erwachsenenbildung hat. Wir sind ein mehrsprachiges Team und decken die Sprachen Türkisch, Arabisch und Farsi ab.

Wie werden Jugendliche in Österreich von neosalafistischen Gruppierungen rekrutiert? Passiert das auf der Straße, geht das über das Internet?
Das ist unterschiedlich. Einiges spielt sich auf der Straße ab oder im Umfeld von Moscheen, Parks und Jugendeinrichtungen. Das Internet spielt unserer Erfahrung nach eine Rolle, aber selten radikalisiert sich jemand ausschließlich über das Internet. Trotzdem spielt es eine Rolle und ist nicht zu vernachlässigen, weil Jugendliche heutzutage das Internet nutzen, um Antworten auf ihre Fragen zu bekommen. Aber nach unserer Erfahrung braucht es in aller Regel einen persönlichen Kontakt.

Welche Menschen sind besonders betroffen, wer ist anfällig für eine Radikalisierung?
Weniger anfällig sind Menschen, die eine stabile Identität, Perspektiven im Leben und ein gutes soziales Umfeld haben. Medienkompetenz ist auch ein Thema, gerade wenn es ums Internet geht. Freunde, Freundinnen, Familie - das sind alles Faktoren, die widerstandsfähiger machen. Das heißt im Gegenzug, wenn das fehlt und man keine Perspektiven hat oder in einer schwierigen Lebenssituation ist, dann kann das anfälliger machen. Das sind aber nicht hinreichende Erklärungsmuster.

Was spielt sonst noch eine Rolle?
Für muslimische Jugendliche oder Jugendliche mit Migrationshintergrund ist auch die Erzählung von der Umma, der großen Gemeinschaft der Muslime, ein Faktor. Eigene Diskriminierungserfahrungen sind ebenfalls entscheidend, die dann erklärbar werden durch die Ideologie. Es spielt eine Rolle in der Propaganda des IS, dass man sagt, alle Muslime werden unterdrückt, und wir müssen uns wehren. Jugendkulturelle Phänomene spielen ebenfalls eine Rolle. Aber es gibt kein eindeutiges Profil von jemandem, der sich einer extremistischen, gewalttätigen Gruppierung anschließt.

Hat es auch etwas mit jugendlicher Provokation zu tun?
Sicher, Provokation ist ein wesentlicher Faktor. Da muss man auch immer genau hinschauen: Was ist Provokation, und was ist ernst? Neosalafistische Gruppierungen bieten sich an, um zu provozieren. Es gehört zum Erwachsenwerden, sich abzugrenzen und zu protestieren. Was man in einer extremistischen Gruppierung auf jeden Fall findet, ist Zugehörigkeit, man ist aufgehoben, findet einfache Antworten auf komplexe Fragen und Orientierung. Den Jugendlichen wird vermittelt: Du bist bei uns jemand, du bist bei uns aufgehoben und du bist etwas ganz Besonderes. Wenn die eigene Identität von außen als negativ wahrgenommen wird - und Muslim zu sein, ist ja bei uns nicht unbedingt etwas, das von der Mehrheit der Bevölkerung als positiv angesehen wird -, dann kann das ein Attraktionsmoment sein, wenn man eine Gruppierung findet, die diesen Teil der Identität - und es ist ja immer nur ein Teil - aufwertet.

Kann man behaupten, dass die Flüchtlingssituation und der Umgang mit Flüchtlingen
einen Einfluss auf die Radikalisierung haben?

Es geht ja nicht nur um die Flüchtlingssituation, sondern auch um Geopolitik, um Syrien, darum, wie es Muslimen in Palästina und Europa geht. Ich würde keinen einfachen Schluss ziehen und die Flüchtlingspolitik verantwortlich machen. Die hat eher einen Einfluss auf den Rechtsextremismus. Aber was in der Propaganda schon eine Rolle spielt, ist dieses Narrativ, dass Muslime unterdrückt werden. Da gibt es dann Videos, wo man sieht, dass Kinder in Palästina gefoltert werden oder sterben. Außerdem wird vermittelt: Bei uns ist es schön, da kann man alles haben.

Haben die Jugendlichen überhaupt irgendeine Vorstellung davon, wie der sogenannte IS funktioniert, was er tut oder wie es im Krieg zugeht?
Vor zwei Jahren war es unter Jugendlichen, man kann fast schon sagen, cool, den IS cool zu finden. Es gab auch einige, die ausgereist sind. Aber da hat sich das Bild mittlerweile gewandelt. Es gibt Jugendliche, die Freunde haben, die gestorben sind - da hat sich was verändert. Von denen, die ausreisen wollen, haben die wenigsten ein realistisches Bild. Aber ich glaube, es ist auch schwierig, sich mit 15, 16 vorzustellen, wie es ist, Krieg zu führen.

Was sind die ersten Anzeichen einer Radikalisierung?

Die Frage ist nicht so leicht zu beantworten, weil es nicht so etwas gibt wie eine Checkliste, die man abhaken kann. Viele der Merkmale - Rückzug von der Familie, Wechsel des Freundeskreises, Isolation - können auch ganz normal sein in der Pubertät. Eindeutigere Hinweise sind, wenn sie in einschlägige Moscheen gehen, andere abwerten, von Ungläubigen sprechen, den Frauen in der Familie vorschreiben wollen, wie sie zu leben haben oder sich der ganze Lebensstil radikal ändert.

Glauben Sie, dass von den Menschen, die sich hier radikalisieren, eine Gefahr ausgeht?
Der Verfassungsschutz sieht sehr wohl eine Gefahr von Personen ausgehen, die sich in Österreich radikalisiert haben. Eine Gefahr geht auch von den Rückkehrern aus. Ich kann das schwer einschätzen. Ich glaube schon, dass es ein Potenzial gibt, kann aber nur von denen reden, mit denen wir zu tun haben. Und ich würde nicht behaupten, dass von ihnen eine konkrete Gefahr ausgeht. Aber ich sehe aktuell eine sehr große Gefahr im Rechtsextremismus, also in der Radikalisierung der rechten Szene.

Wie sollten sich Eltern, Lehrer oder Freunde verhalten, wenn sie merken, dass sich jemand radikalisiert?

Das Wichtigste ist, den Kontakt zu halten, dranzubleiben und die Beziehung aufrecht zu halten, was auch gerade für Eltern oft nicht leicht ist, weil sie sich abgewertet fühlen oder provoziert werden. Man sollte nicht mit Verboten reagieren, nicht dagegenreden. Denn den Betroffenen wird gleich am Anfang gesagt: "Die werden dir sagen, dass du unrecht hast, du hast aber recht." Da nützt es wenig, wenn man versucht, über die Ideologie zu diskutieren, was nicht heißt, dass man nicht klare Haltungen haben soll. Wichtig ist, dass man versucht zu verstehen, was dahinter liegt. Oft werden Bedürfnisse von ex-tremistischen Gruppierungen gestillt, die man auch woanders befriedigen könnte, wenn es zum Beispiel um Perspektivlosigkeit geht. Da kann man sich auch Unterstützung von außen suchen, wenn man das Gefühl hat, dass man alleine nicht weiterkommt.

Das heißt, man sollte möglichst schnell Hilfe hinzuziehen, zum Beispiel auch von der Beratungsstelle Extremismus.
Ja, dann kann man sich den Fall noch genau anschauen und ausloten, was man tun kann. Wenn der Prozess schon weit fortgeschritten ist, kann es sein, dass man die Sicherheitsbehörden einschalten muss, aber das ist für uns immer ein letzter Schritt.

Die Beratungsstelle ist aber nicht nur per Telefon zu erreichen, Sie treffen sich auch mit den Menschen.
Genau, wir haben mehr als 90 Familien, die wir im Laufe der Zeit auch persönlich betreut haben. Und wir verweisen auch weiter an Familienberatungsstellen in den Bundesländern.

Haben Sie schon einmal erlebt, dass jemand, den Sie betreut haben, nach Syrien gegangen ist?
Nein, von denen, die wir betreut haben, ist noch keiner nach Syrien gereist. Aber es haben sich einmal Eltern an uns zu einem Zeitpunkt gewandt, an dem der Jugendliche schon ausgereist war. Von denen, die wir betreut haben, gab es Ankündigungen, aber noch ist niemand tatsächlich ausgereist. Es gab aber schon welche, die sich auch in einschlägigen Gruppierungen befunden haben. Und auch welche, bei denen ein Straftatbestand da war, also eine Verurteilung oder eine Anklage im Raum stand.

Was macht man in einem Fall, der so fortgeschritten ist? Und was kann man noch machen, wenn das Kind schon weg ist?
Da kann man wenig tun. Da kann man nur versuchen, dass man den Kontakt aufrecht hält. Aber sonst kann man nur hauptsächlich die Eltern entlasten. Am ehesten kann man bei denen etwas erreichen, die noch unsicher sind, die Zweifel haben. Oder wenn die Ankündigung einer Ausreise ein Mittel ist, um Aufmerksamkeit von den Eltern zu bekommen. Die, die sich ganz sicher sind, gehen in den meisten Fällen auch.

Was könnte die Politik tun, um der Radikalisierung entgegenzuwirken?
Da gibt es viele Dinge. Gegen extremistische Strömungen in der Gesellschaft anzugehen, ist auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Alle müssen an einem Strang ziehen und zusammenarbeiten. Man muss Räume schaffen, wo Jugendliche auch kritisch denken können. Man muss ihnen Perspektiven geben und sie müssen sich selbstwirksam fühlen können. Gerade diese Selbstwirksamkeit ist etwas, was die extremistischen Gruppierungen ansprechen. Man ist schnell jemand, und wenn man etwas tut, kriegt man was dafür. Ob man nun Anerkennung bekommt, weil man den Koran verteilt oder eine Sure auswendig lernt. Es geht auch um antirassistische Arbeit, um offene Jugendarbeit, um Präventionsprogramme an Schulen und die Finanzierung regionaler Beratungsstrukturen. Das sind alles Dinge, die extremistischen Tendenzen entgegenwirken.

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