Psychologie der Dankbarkeit

Foto: Stephanie Richardson
Foto: Stephanie Richardson

Mit der Pragmatischen Psychologie hat Susanna Mittermaier eine neue Art der Psychologie kreiert. Ihr Buch Dein Anderssein, dein Glück ist mittlerweile in zwölf Ländern Bestseller. alles roger? bat die unkonventionelle Querdenkerin zum Interview. 


Text: Martina Bauer

"Ich hab's gewusst!" Oft haben wohl alle von uns diesen Satz schon gesagt oder gedacht. Und zwar immer dann, wenn wir draufkommen, dass wir eben nicht diesem Wissen sondern der Empfehlung, der Einschätzung oder einfach der Ansicht von jemand anderen gefolgt sind. Darüber können wir uns maßlos ärgern, und dann gehen wir hin und machen den gleichen Fehler wieder. Wieder und immer wieder.

Geht es nach Susanna Mittermaier, machen wir keine Fehler sondern treffen eine Wahl. "Statt das zu bewerten, sage ich, danke für die Information, jetzt weiß ich, welche Wahl ich nicht mehr treffe und welche Wahl ich stattdessen treffe", so Mittermaier. Darauf beruht das sogenannte "Access Consciousness", ein Werkzeug, das hilft, die Dinge im Leben zu ändern. Es beruht auf Fragen und dem Bewusstsein über das eigene Wissen.

Was sagen die Kollegen zu deinem außergewöhnlichen Behandlungsweg?
Als ich damit begonnen hab, war ich so happy, dass ich missionieren wollte. Das ist nicht gut angekommen. Dann bekam ich von Gary Douglas den Rat ,Just for you, just for fun, never tell anyone? (,Nur für dich, nur zum Spaß, erzähle keinem je darüber?). Das habe ich befolgt, und plötzlich hat sich alles gewandelt. Die Kollegen haben mir Patienten geschickt, mit denen sie nicht mehr weiterkamen, aber sie wollten nicht wissen, was ich mache. Mittlerweile kommen immer mehr Kollegen in meine Pragmatische-Psychologie-Kurse.

Vermieser und Freiheit

Was war dein schlimmstes Erlebnis, nachdem du der klassischen Psychotherapie den Rücken gekehrt hast?
Je mehr ich zu einer öffentlichen Person wurde, desto mehr Menschen haben versucht, es mir zu vermiesen. Ich hab dann gesagt: Nach welcher Veränderung habe ich gefragt? Es wurde mir immer gezeigt, noch mehr in die Öffentlichkeit zu gehen, anstatt mich zurückzuziehen. Ich durfte die Wahl treffen, in welche Richtung ich gehe. Die Frage war: Mache ich diese Menschen wertvoller als meine Wahl? Ich sagte immer "nein, danke fürs Kompliment. Sie wollen es dir ja nur vermiesen, weil sie dich nicht mehr kontrollieren können". Ich möchte das gerne anderen mitgeben. Man braucht keine Angst vor Menschen haben, die einem im Weg stehen. 

Und das Beste?
Das Beste ist, dass ich die Möglichkeit und die Freiheit habe, ich sein zu dürfen in dieser Welt. Dass ich das, was ich weiß, in die Welt bringen darf. Dass ich Menschen zeigen darf, wie sie ihre Zukunft kreieren können, über diesen Wahnsinn hinaus, der da grad überall als Show abrennt.

Du sagst in deinem Buch über dich selbst: "Tatsächlich bin ich gleichzeitig hyperaktiv, aufmerksamkeitsgestört, autistisch, zwangsgestört und Psychologin. Außerdem wirke ich völlig normal (was auch immer das ist)."
(Lacht sehr) Ja, das hat alles auch Vorteile. Es gibt ja viele unterschiedliche Therapeuten, und jeder sucht sich den, der passt.

Hyperaktive kriegen kein Burnout

Du erklärst deinen Klienten: "Deine Störungen (ADHS, Autismus, Psychosen, Bipolarität) sind tatsächlich Superkräfte." Wie meinst du das?
ADHS und Autismus sind andere Arten, in der Welt zu funktionieren. Dessen müssen sich die anderen bewusst sein. Diese Menschen haben eine unglaublich intensive Wahrnehmung und eine wahnsinnige Kapazität, viele Eindrücke aufzunehmen. Man sagt Hyperaktiven immer, sie sollen sich konzentrieren oder z'sammreißen. Das ist Nonsens. Je mehr Eindrücke, umso spannender ist es für sie. Das sind die wahren Multitasking-Genies. Die bekommen kein Burnout. Das glauben nur die "Normalen".

Du sagst, Schmerz, Angst und Leid sind nicht logisch oder kognitiv. Sie wurden an einem Punkt kreiert, an dem man sich nicht mehr erinnert. Was meinst du damit?
Zu fragen: Warum habe ich das, woher kommt das? Das bringt nichts. Die Frage ist: Wie kann ich es ändern? Es geht ums Zerstören und Unkreieren von Glaubensmustern.

Du wendest für deine Patienten immer wieder den Klärungssatz "Right and wrong, good and bad, pod and poc, all nine, shorts, boys and beyonds" an. Was bedeutet diese, nahezu unübersetzbare, psychologische Wortkombination, die vom Verstand her betrachtet nicht so viel Sinn ergibt ...
Die Kreation ist von Gary Douglas von "Access Consciousness" (Anm.: siehe Kasten). Ich hab mir am Anfang auch gedacht, "was für ein Blödsinn". Aber dann habe ich gespürt, dass sich etwas verändert. Es ist ein Löschungssatz. Pod bedeutet Point of destruction und Poc Point of creation. Am Punkt der Ursache wird das Problem also aufgelöst.

Glück ist eine Wahl

Eine der zentralen Theorien ist, dass Glück eine Wahl ist. Wie wählt man Glück?
Es geht um die bewusste Wahl. Wahl ist kein "wie", sondern Wahl ist ein "dass". Ich wähle, dass ... Die meisten wollen lieber recht haben als frei sein. Ärgere ich mich zum Beispiel über den Partner oder sag ich mir "bringt eh nichts - also gehen wir was trinken oder haben Sex".

Wie liest sich das für eine alleinerziehende Arbeitslose mit drei schulpflichtigen Kindern, die den Alimenten hinterherlaufen muss? Was könnte sie wählen?
Die denkt sich bestimmt "Fuck you" mit drei Ausrufezeichen. Mir ist das bewusst, weil man in so einer Situation nichts anderes sieht. Wenn man sehr lange Begrenzungen hatte, ist es eine Herausforderung, die Frage zu stellen, was darüber hinaus noch möglich ist. Fragen stellen ist auch mutig. Noch dazu weil die Antworten nicht gleich kommen, also kommt die Folgerung: "Schau, geht eh nicht." Im Finden von Ausreden sind wir ja Meister. Das haben wir gelernt, damit wir aus dem Schlamassel ja nicht rauskommen.

In deinem Buch schreibst du, dass die Urteile der anderen einfach nur Ansichten sind. Wenn es nur mehr Ansichten gibt, können die nicht auch zu Freibriefen für schlechtes Benehmen werden?
So ist das nicht gemeint. Bewusstsein inkludiert auch die Welt des anderen, wie es ihm geht. Pragmatisch ist es zu schauen, womit der andere kann und womit nicht?

Dankbar, zu leben

Dankbarkeit spielt eine zentrale Rolle.
Ja, Dankbarkeit ist ganz wichtig. Es geht nicht da-rum, den ganzen Tag "Halleluja Kumbaya" zu trällern. Man darf auch mal ein Oscar-nominiertes Aufregen geben, aber man sollte die Wahl nicht vergessen. Wenn man bei einem Erdbeben oder einem Hurrican sein Haus verliert, ist das schrecklich. Dennoch kann man dafür dankbar sein, dass man überlebt hat. Grundsätzlich gilt: Je schneller man den Widerstand gegen etwas aufgibt, desto schneller zieht es vorbei.

Was ist jetzt noch alles möglich? Wie wird es noch besser als das?
Genau diese Frage sollte man sich jeden Tag ein paar Mal stellen!

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