Russische Geschichte: Von Rasputin bis Putin

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Das russische Volk hat in den vergangenen hundert Jahren eine sehr bewegte, oft schreckliche und teilweise sehr blutige Geschichte mit unterschiedlichsten Persön­lichkeiten erlebt - vom mächtigen Mönch Grigori Rasputin über den Massenmörder Stalin bis hin zu Wladimir Putin. Vom westlichen Ausland wurde Russland selten als wirklicher Teil Europas wahrgenommen, meistens gefürchtet und durch die verzerrte Optik vieler Klischees betrachtet.


Text: Helmut Neuhold 

Am 30. Dezember 1916 ermordeten im damals so genannten Petrograd (heute wieder St. Petersburg) Persönlichkeiten aus höchsten russischen Kreisen einen bärtigen Mönch, den sie als große Gefahr betrachteten. Dieser hieß Grigori Rasputin und erschien seinen Mördern als derartig übermenschliches Wesen, dass sie ihn angeblich erst vergiften, dann erschießen und am Schluss noch ertränken mussten, bevor er endlich tot war. In Wirklichkeit haben sie ihn wohl eher brutal zu Tode gefoltert. Rasputin hatte die Zarenfamilie jahrelang in seiner Hand gehabt und sie teilweise wie Marionetten geführt. Nach seinem Tod offenbarte sich das ganze Elend des im Weltkrieg militärisch schwer geschlagenen Russlands und die völlige Schwäche des Zaren Nikolaus II. Die Februarrevolution ließ nicht lange auf sich warten.

"Jedes Verbrechen möglich"

Nachdem die Deutschen als "Kriegslist" - der sie Jahrzehnte später selbst zum Opfer fallen sollten - den kommunistischen Hardliner Lenin nach Russland verfrachtetet hatten, kam es zur Oktoberrevolution von 1917. Russland wurde kommunistisch, die Zarenfamilie in Katharinenburg abgeschlachtet und die Sowjetunion entstand durch den Sieg der Roten im Bürgerkrieg. Aber der Sieger Lenin machte es nicht lange und wurde von Stalin beerbt, vor dem er noch selbst gewarnt hatte. Ab 1927 hatte Stalin nach Überwindung aller parteiinternen Konkurrenten die Macht in Händen. Er ging nun mehr und mehr über Leichen. Die brutale Vernichtung des Bauernstandes und die rücksichtslose Industrialisierung forderten Millionen Tote durch Hunger und Gewalt.

Der kommunistische Massenmörder Josip Broz Tito sagte über einen anderen - noch größeren - Massenmörder: "Bei Stalin war jedes Verbrechen möglich, denn es gibt kein einziges Verbrechen, das er nicht begangen hätte. Mit welchem Maß wir ihn auch messen wollen, ihm wird jedenfalls ... der Ruhm zufallen, der größte Verbrecher der Geschichte zu sein." Und Stalin selbst sagte: "Der Tod eines einzelnen Mannes ist eine Tragödie, aber der Tod von Millionen nur eine Statistik."

Faschismus gegen Kommunismus

Die Sowjet-Russen wurden kaum als Europäer wahrgenommen, sondern waren für eine Anzahl von Klischees gut, wozu auch die vielen russischen Emigranten beitrugen. Sich in die Völkerschaften unter Stalins Herrschaft und in die russische Seele wirklich hineinzudenken, war den meisten Europäern schlichtweg unmöglich - und fällt vielen bis heute schwer.

Der in vielen Ländern Europas in der Zwischenkriegszeit aufkommende Faschismus verschiedenster Schattierungen sah im (ihm doch in vielem wesensverwandten) Kommunismus den Erzfeind, den es zu vernichten galt. Hitler siegte in Deutschland vor allem auch als Antithese zu den bereits sehr starken deutschen Kommunisten. In Spanien maßen sich zum ersten Mal die Soldaten faschistischer Staaten (Deutschland, Italien) mit kommunistischen Militärs - und trugen den Sieg davon. Generell unterschätzten Hitler und seine Generäle die Rote Armee und vor allem auch die Kraft und Leidensfähigkeit der russischen beziehungsweise sowjetischen Bevölkerung. Letztlich unterzeichnete Hitler mit seinem Angriff auf das Reich Stalins im Sommer 1941 sein Todesurteil.

Angst vor Russen wirkt bis heute

Der anfangs gar nicht militärisch expansiv denkende Stalin stand schließlich im Frühjahr 1945 in Berlin und hatte Osteuropa und große Teile Mitteleuropas unter seine Kontrolle gebracht. Besonders für die Deutschen war "der Russe" nun ein Todesbringer, Vergewaltiger, Räuber und ständig Betrunkener, der Angst und Schrecken verbreitete. Diese Gefühle gegenüber den Russen wirken bei uns teilweise bis heute nach. Noch immer wird die Gefahr im Osten geortet, so als könnte die russische Kriegsfurie jederzeit wieder ungehemmt losbrechen und Mittel- und Westeuropa einfach überrollen.

Dabei wird natürlich übersehen, dass das Russland von heute wenig mit dem Zarenreich und noch weniger mit der Sowjetunion zu tun hat. Aufgrund der systemimmanenten wirtschaftlichen Unterlegenheit gegenüber dem kapitalistischen Westen verloren die Sowjetunion und ihre Satelliten den Kalten Krieg und das kommunistische Imperium implodierte. Michael Gorbatschow, als letzter Repräsentant des alten Reiches, wollte retten, was seiner Meinung nach zu retten war - und zerstörte letztlich die kommunistische Machtsphäre. Das heutige Russland ist der geschrumpfte Rest einer ehemaligen Supermacht, die ihre militärische Größe vor allem durch den Besitz vieler Atombomben einigermaßen aufrechterhalten kann.

NATO weit aggressiver

Das restliche "Reich" konnte sich unter Wladimir Putin einigermaßen stabilisieren und ein paar Gebietskorrekturen (insbesondere die Krim) durchführen, während es vom amerikanischen Imperialismus mit Hilfe seiner europäischen Vasallenstaaten - sprich: NATO - immer heftiger bedrängt wird. Das im Verhältnis zum amerikanischen Vorgehen eher müde "Tatzenschwingen" des russischen Bären auf der Krim und in der Ostukraine führte zu den "Sanktionen", mit denen sich Europa in erster Linie selbst schädigt. Angela Merkel und ihre befreundeten Staatschefs der EU erwiesen sich als Handlanger des amerikanischen Imperialismus.

Über hundert Jahre nach Rasputin beherrscht nun der ehemalige Geheimdienstler Putin Russland. Faktum ist, dass Russland trotz seiner Größe und Potenz in seiner Geschichte seit dem Mittelalter sehr selten expansiv in Europa war. Militärische Interventionen der Russen während des Siebenjährigen Krieges, der Napoleonischen Kriege und im Kampf der Habsburger gegen die Ungarn sollten eher der Stabilisierung des bestehenden Mächteverhältnisses dienen. Auch die Vorstellungen der Russen im Ersten Weltkrieg waren nicht so sehr auf Eroberungen ausgerichtet. Die große Gegenoffensive Stalins mit der Besetzung großer Teile Deutschlands und Europas war in erster Linie Folge der Aggression Hitlers.

Propaganda herrscht vor

Auch heute steht trotz aller anderslautenden Behauptungen die Politik Russlands eher dafür, Bestehendes zu bewahren und keinen weiteren Machteinbruch mehr hinzunehmen. Eine Invasion der russischen Armee in Richtung Mittel- und Westeuropa ist auch eingedenk der derzeitigen geringen militärischen Potenz Russlands illusorisch. Wenn die "russische Gefahr" in den Köpfen vieler Menschen herumspukt und von der NATO-affinen Propaganda genährt wird, so dient dies letztlich dazu, ein Feindbild zu konstruieren, während die wirklichen Gefahren (wie der Islam in Europa) eigentlich das allgemeine Denken bestimmen müssten. Das russische Volk und die russische Geschichte gehören viel mehr zu Europa als die weiterhin von Merkel und Co. umgarnten Türken. Hundert Jahre ist es den Amerikanern und Engländern gelungen, eine enge Zusammenarbeit zwischen Deutschland beziehungsweise Mitteleuropa und den Russen zu verhindern. Doch eine solche wäre für unseren ganzen Kontinent von Vorteil.

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