200 Jahre Stille Nacht

Foto: TOURIMUSVERBAND OBERNDORF
Foto: TOURIMUSVERBAND OBERNDORF

Ein Lied, das um die Welt ging wie kein anderes, wird heuer zu Weihnachten 200 Jahre alt: Stille Nacht! Erklungen ist es erstmals 1818 in der damaligen Kirche St. Nikola in Oberndorf. Wo sie stand, steht heute die berühmte Gedenkkapelle, wo man das Jubiläum ganz besonders feierlich begehen wird. Aber auch in vielen anderen Orten Österreichs wird dieses besondere Lied gebührlich gefeiert. Geboren wurde es von Joseph Mohr und Franz Xaver Gruber, aus der Not heraus, in sehr schlechten Zeiten ...


Text: Martina Bauer

Der Hilfspriester hat bereits den Altar mit Kerzen geschmückt. Man hört klingendes Orgelspiel, wobei fürchterliche Töne erzeugt werden. Mohr stellt die zwei Kerzenständer vor dem Altar auf. Gruber kommt aufgeregt von der Seite gelaufen und ruft außer Atem: "Franz Xaver, was ist denn mit der Orgel los. Das hört sich ja furchtbar an!" "Hochwürden! Hochwürden, lieber Joseph! Stell dir vor, die Orgel ist beschädigt!" "Ich hab's g'hört. Das is' ja eine Katastrophe!" "Sie ist nicht bespielbar, und das heute zur Mitternachtsmette! Was machen wir?"

Mohr entsetzt: "Warum fragst du mich das?" Gruber: "Du hast ja als Priester die bessere Verbindung zum Himmel!" "Ja, ja, so sagt man" und er dreht sich zum Altar, faltet die Hände "Hmmm?" Joseph blickt dabei fragend nach oben, breitet die Arme breit nach oben aus. "Es kommt nix. Heut hab' i koa Verbindung. Wir werden improvisieren müssen!"

So gehen beide nachdenkend auf und ab. Zuerst scheint Mohr eine Idee zu haben, dann Gruber. Fehlanzeige. Sie setzen sich auf die Kirchenbänke. Joseph: "Ah ja, da fällt mir etwas ein!" Und er bringt ein gebundenes Bücherl hervor. "Ich habe vor zwei Jahren in meiner Pfarrprovisorenstelle in Mariapfarr ein Gedicht geschrieben." Gruber: "Ein Gedicht? Was will er denn mit einem Gedicht? Oder doch! Vielleicht kommt mir eine passende Melodie dazu in den Sinn." 

Mohr trägt den Text der 1. Strophe vor, Gruber hört zu und beginnt leise eine traurige Melodie mitzusummen. "Stille Nacht! Heilige Nacht! Alles schläft, einsam wacht. Nur das traute heilige Paar. Holder Knab' im lockigten Haar. Schlafe in himmlischer Ruh!" ...

Das ist ein Auszug der Kommunikation von Joseph Mohr und Franz Xaver Gruber zur Entstehung des Liedes Stille Nacht. Zugetragen hat sich dieses Gespräch am Heiligen Abend 1818 in der Kirche St. Nikola in Oberndorf. Der Originaltext stammt aus dem Buch "Stille Nacht!" Erleben von Josef A. Standl, herausgegeben von der Stadtgemeinde Oberndorf. Dort steht heute die Stille-Nacht-Kapelle, die auf dem Schutthügel des Abbruchmaterials der Kirche St. Nikola  erbaut wurde. Diese  musste man nach dem verheerenden Hochwasser 1899 abtragen. Die Gedenkkapelle verfügt über rund 20 Sitzplätze. In dem Buch wird die Rezeptionsgeschichte des Liedes wissenschaftlich nachvollzogen, denn lange Zeit war die Autorenschaft nicht restlos geklärt. Mythen rankten sich um das Liedgut, das der Inbegriff für Weihnachten ist, als Weltfriedenslied gilt und bei sehr vielen Menschen die Assoziation an eine beschützte Kindheit weckt.

Nicht nur bei Menschen in Österreich. Stille Nacht wurde in mehr als 300 Sprachen und Dialekte übersetzt. Darunter auch Akwapim Twi, BoBo Madare oder Ye'kudna. Sprachen, von deren Existenz die meisten Europäer nicht mal etwas wissen. Und trotzdem teilen sich diese Menschen mit uns ein ganz besonderes Kulturgut. Dass das Lied den Weg um die Welt fand, dafür waren nur einige wenige Menschen verantwortlich. Zunächst der Orgelbauer Mauracher aus Fügen in Tirol. Er lernte Franz Xaver Gruber und Stille Nacht 1819 kennen und nahm das Lied mit in seine Heimat. Vom Zillertal aus startete dann die Erfolgsgeschichte von Stille Nacht! Zu danken ist das zwei Sängerfamilien. Die Profi-Gesangsgruppe Rainer, in Tiroler Tracht, waren Nationalsänger und hatten 1822 einen Auftritt vor Kaiser Franz I. und Zar Alexander I. Verbürgt ist das nicht, aber man geht davon aus, dass sie da auch Stille Nacht vorgetragen haben. Auf jeden Fall aber haben sie das Lied auf ihre großen Tourneen nach England und Amerika mitgenommen. 

Die Familie Strasser, ebenfalls aus dem Zillertal, verkaufte ihre Waren auf diversen Märkten und sang. So auch in Leipzig, wo zunächst ein Pfarrer auf die Gesangsgruppe und das Lied aufmerksam wurde. Er lud die Familie ein, Stille Nacht zu Weihnachten bei der Mette zu singen, wo wiederum der Verlagsinhaber Friese anwesend war ... So nahmen die Dinge ihren Lauf und Stille Nacht wurde zum erfolgreichsten Lied aller Zeiten. Wohl durch eine göttliche Fügung des Zusammentreffens von Mohr und Gruber, sowie eine Wegbereitung, die ebenfalls von oben kreiert worden sein könnte. Wir wissen es nicht. Sicher ist, dass es kaum einen österreichischen Haushalt gibt, in dem am Heiligen Abend Stille Nacht nicht erklingen wird.

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