Mauerbau

Foto: beigestellt

Menschen reden nicht miteinander, weil sie politisch unterschiedliche Meinungen haben. Der Romanschriftsteller Thomas Glavinic legt in seinem Kommentar dar, warum er die derzeitige Lage für dramatisch hält.


»TIEFER GRABEN« die alles roger?-Kolumne von Thomas Glavinic 

Es gehen Dinge vor sich, die ich nicht verstehe.

Okay, für sich genommen wäre das ja nicht überraschend. Diese Welt war mir noch nie geheuer, und an meinen schlechteren Tagen kann ich nicht einmal den Zusammenhang zwischen Glühbirne und Lichtschalter herstellen. Jedenfalls ist mein gelegentliches Rätselraten, wieso es im Zimmer abends finster ist, nicht anders zu interpretieren. Aber von meinen merkwürdigen Wahrnehmungsdefekten ist hier nicht die Rede, an die habe ich mich gewöhnt. Ich spreche von gesellschaftlichen Zuständen und Prozessen, die im Gange sind, in denen ich keinen Sinn erkennen kann, in denen ich jedoch viel Potenzial für Ärger und Konflikte sehe.

Nun kann man dezent auf die Möglichkeit verweisen, es könnte an mir liegen, denn dass ich selbst mich nicht für blöd halte, muss nicht viel heißen. Ein Blöder hat naturgemäß geringe Einsicht in seine intellektuellen Handicaps, und wenn ich nicht der Hellste bin, kann ich mir diese traurige Nachricht nicht selbst überbringen, weil ich auch die stärksten diesbezüglichen Signale nur schemenhaft wahrnehmen und falsch interpretieren würde. Oder sagen wir: Wenn das intellektuelle Rüstzeug sowohl von Sender als auch Empfänger nicht einmal eine große Karriere als Nageldesigner erlaubt, werden Qualität und Informationsgehalt ihrer Kommunikation überschaubar sein. Wenn Sender und Empfänger dann auch noch ident sind, wird das Leben für den Betreffenden entweder sehr einfach oder sehr schwierig. Womit wir wieder am Anfang stehen.

Aber vielleicht bin ich gar nicht blöd, sondern naiv. Das würde zum Beispiel erklären, warum ich nicht verstehe, wieso jemand aufgrund von politischen Meinungsdifferenzen langjährige Freundschaften aufkündigen kann. Abgesehen davon, dass Menschen ja selten von heute auf morgen einen radikalen inneren Kurswechsel vollziehen und Freunde einander gut kennen und von den Ansichten des anderen nicht überrascht werden sollten, ist er ihnen doch mit seiner Persönlichkeit ans Herz gewachsen und zum Freund geworden und nicht wegen seiner Meinungen.

Manche Menschen mag ich, manche nicht. Manche mag ich gar nicht, manche mag ich sogar sehr, und Hass empfinde ich gegen niemanden. Zu meinen Freunden zählen Grünwähler, Blauwähler, Rotwähler und Schwarzwähler, so wie es Grüne, Blaue, Schwarze und Rote gibt, die ich nur vom Wegschauen kenne. Ich bin nicht der Richter meiner Freunde und will es nicht sein. Wir sind aus guten Gründen Freunde geworden. Politische Positionen können eine Freundschaft aus meiner Sicht höchstens durch einen Meinungserdrutsch gefährden, nämlich wenn der andere in echten Rechts- oder Linksextremismus abdriftet, Hass predigt, Hass lebt und all meinen Werten ein Fremder wird.

Ich bin kein Linker, und ich bin kein Rechter, und ich habe mich auch nie auf dieser Skala positioniert. Viele Linke halten mich für einen Rechten, viele Rechte halten mich für einen Linken. Man kann es den Leuten einfach nie recht machen. Wegen meiner Meinungen habe ich noch keine Freunde verloren, in dieser extremen Form ist mir so etwas nicht passiert. Aber: Vor einem Jahr habe ich an die Adresse jener meiner Freunde und Bekannten, die sich als links verstehen, auf Facebook und danach in einigen Interviews (ach ja, die Leserschaft kennt mich hier ja noch nicht, guten Tag, ich bin Romanschriftsteller, 45, geschieden, ein Kind, zwei Verfilmungen, weder links noch rechts, lebe in Wien) erklärt, dass ich ihre selbstzweifelsfreie Gewaltsprache, mit der sie alle Wähler von Norbert Hofer als Nazis, Pack, Bagage und Abschaum bezeichnen, widerlich finde. Danach sind sehr wohl einige Menschen zu mir auf Distanz gegangen. Es hat mich traurig gemacht. Und noch trauriger macht es mich zu wissen, dass es nicht nur mir so gegangen ist, sondern landauf, landab noch vielen anderen. 

Ich nehme kein Wort zurück, im Gegenteil, ich halte die Lage für noch dramatischer als vor einem Jahr. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass Menschen, die nicht miteinander reden, eine immer höhere Mauer zwischen sich bauen. Ich habe vor einem Jahr an den Februar 1934 erinnert, als die Heimwehr auf den Schutzbund feuerte, und wer politisch Andersdenkende de facto als Untermenschen hinstellt, ob es die Rechten mit den Linken tun oder die Linken mit den Rechten, der muss sich die Frage gefallen lassen, ob er sich schon einmal auf die Suche nach dem Faschisten in sich selbst gemacht hat.

Woran liegt das, was gerade passiert? Wie kam es dazu? Das sind ja keine Missverständnisse mehr, da sind ja von Meinung zu Verbohrtheit und von Verbohrtheit zum Hass plötzlich nur wenige Schritte.

Die sozialen Medien sind wieder einmal schuld. Nein, nicht an allem. Aber an vielem. An diesen Konfrontationen tragen sie Mitschuld.

Die Entwicklung des Journalismus hierzulande auf den Punkt gebracht (zugegebenermaßen etwas vereinfacht): Viele seriöse Journalisten sind - oder vielleicht zutreffender: der althergebrachte seriöse Journalismus mit Substanz ist in den vergangenen Jahren an die Wand gedrückt worden und nun beinahe verschwunden. An seine Stelle sind Twitter- und Facebook-Megaphone mit Journalistenverträgen getreten, in deren Kielwasser selbstkritikferne Ideologen und moralische Ich-AGs schwimmen. Sie schimpfen über Donald Trump, machen sich über ihn lustig, tun aber genau das, was er tut: Tatsachen als alternative Fakten zu behandeln und Fake News zu verbreiten, wozu man nämlich bereits beiträgt, wenn man Informationen so selektiv auf die Reise schickt wie der eine oder andere heimische Journalist.

Eine Folge dieser Entwicklungen ist ferner, dass auch jeder andere aus seiner Rolle als Meinungsgespenst in der virtuellen Wolke, der täglich zwei, fünf, zwanzig oder hundert Mal mehr oder weniger geistreiche Tweets zur Weltlage absondert, das Recht ableitet, sich für einen echten Journalisten zu halten.

 Was wir wieder brauchen, sind Journalisten, die wieder Fakten suchen und sich daraus Meinungen bilden, und wir brauchen weniger Journalisten, die Meinungen haben und dann nur nach Fakten suchen, die diese Meinungen belegen.

Wir sind in einer Gesellschaft gelandet, in der eine Position der politischen Mitte, wie ein Aufruf, Mitmenschen mit anderen Meinungen trotzdem zu respektieren und ihnen nicht gleich die Ehre abzusprechen, als rechtsradikal gilt.

Na bravo.

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