1984: George Orwells Roman ist aktueller denn je

Foto:  123RF / Maksym Yemelyanov
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Wer George Orwells Roman 1984 vor längerer Zeit gelesen hat, für den schien der Inhalt weit entfernt und ziemlich unwahrscheinlich. Heute allerdings leben wir in einer Welt, in der vieles von Orwells negativer Utopie bereits weit übertroffen wurde. Eine Analyse des Historikers Helmut Neuhold.


Keine verstörende negative Utopie hat so eine Breitenwirkung erreicht wie George Orwells Roman 1984. Millionenfach gelesen, immer wieder zitiert, mehrmals verfilmt, als Theaterstück herausgebracht - das Werk hat sogar das wirkliche Jahr 1984 unbeschadet überstanden. Und es ist aktueller denn je.

Der ehemalige Kolonialbeamte und Polizist George Orwell (1903-1950) - der eigentlich Eric Arthur Blair hieß - nahm in den 1930er-Jahren als überzeugter Kommunist am Spanischen Bürgerkrieg auf Seite der Republikaner teil. Dort erkannte er das wahre Gesicht des Kommunismus und des Stalinismus. Unter diesem Eindruck schrieb er Jahre später die negative Utopie (Dystopie) Farm der Tiere, in der er in scharfer, satirischer Form mit der Sowjetunion und dem Stalinismus abrechnete. Dabei wurden die Kommunisten mit den Schweinen auf der Farm verglichen, die nach der Revolution die Macht an sich rissen und damit "gleicher als gleich" wurden. In den Jahren 1946 bis 1948 verfasste Orwell dann sein Hauptwerk, den Roman 1984.

Gedankenpolizei und Propaganda

Darin wird eine albtraumhafte Welt geschildert, in der diese in wenige einander bekämpfende Machtblöcke aufgeteilt ist. Die Hauptfigur Winston Smith lebt in einem staatlichen Gebilde, das sich Ozeanien nennt. Es steht völlig unter Kontrolle einer kommunistischen Partei, die vom "Großen Bruder" ("Big Brother") geführt wird. Eine "Gedankenpolizei" überwacht die gesamte Bevölkerung mittels "Televisoren", einer Art Staatsfernsehen, das man nicht abschalten kann. Die Fernsehgeräte senden nicht nur permanent Systemprogapanda, sondern beobachten und kontrollieren auch die Menschen. Ständig werden sie in Pflichtveranstaltungen einer Art von Gehirnwäsche unterzogen, wobei der Hass auf die "Feinde des Systems" im Vordergrund steht. Ansonsten ist das Leben recht hart und es herrscht ständiger Mangel. Keinerlei Kritik daran ist zulässig. Die Unterdrückten wissen, dass sie der "Große Bruder" ständig beobachtet und jede Form der Nichtanpassung extrem hart bestraft.

"Freiheit ist Sklaverei"

Die Sprache wurde von "gefährlichen Begriffen" wie etwa "Freiheit" gesäubert und eine neue Art der Kommunikation etabliert: der "Neusprech". Die Partei weiß, dass man durch die Sprache auch das Denken beeinflussen kann, weshalb sie völlig neue Begriffe geschaffen hat, die jeder gebrauchen muss. Gewisse Slogans, die nicht hinterfragt werden dürfen, beherrschen die Propaganda, wie zum Beispiel "Freiheit ist Sklaverei". Der herrschende permanente Ausnahmezustand rechtfertigt jede Form von Unterdrückung. Das Regime sieht sich ständig von Feinden umgeben. Das "Wahrheitsministerium" schreibt laufend die Geschichte um, damit sie zur aktuellen Parteilinie passt. Keinerlei abweichende Meinung oder Information ist erlaubt. Die Menschen müssen eine perverse Form von Dialektik beherrschen, die vom System "Zwiedenk" genannt wird. Nur damit lassen sich "Gedankenverbrechen" verhindern, zu denen schon der Ansatz von Zweifel zählt.

Orwells Roman erzählt die Geschichte eines kleinen Erfüllungsgehilfen des Systems, der sich innerlich auflehnt und in Form einer verbotenen Liebe kurzfristig eine Form von Erfüllung findet. Doch die Rache des Systems ist furchtbar und letztlich ist die gefolterte, erniedrigte und völlig gehirngewaschene Hauptfigur sogar davon überzeugt, den "Großen Bruder" zu lieben, der ihn schließlich umbringen lässt. Die Botschaft: Es gibt keine Hoffnung und jeder Widerstand ist sinnlos.

"1984" ist aktueller den je

Orwells Roman ist aktueller denn je. Denn der von ihm beschriebene Fernseher, der die Menschen gleichzeitig völlig überwacht, ist heute gleich in mehrfacher Hinsicht übertroffen. Wir tragen unsere Smartphones mit permanentem Ortungschip ständig mit uns herum, benutzen das Internet, das uns ständig überwacht und Daten über uns sammelt. Der öffentliche Raum ist mit einer Vielzahl von Kameras bestens überwacht, die Gesichtserkennung und die Erstellung von Bewegungsprofilen jedes Einzelnen machen galoppierende Fortschritte. Gleichzeitig gibt es verschiedene Formen der "Gedankenpolizei", die sogar fast weltweit agieren, wie die NSA und die mit ihr eng verbundenen Medien Facebook und Twitter. Daneben gibt es noch einige quasi hauseigene gedankenpolizeiliche Institutionen wie zum Beispiel das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands, die neusprachlichen Wächter der politischen Korrektheit oder die "PriesterInnen des Genderwahnsinns".

Überwachung toleriert

Es scheint gar nicht mehr nötig zu sein, die Menschen einzeln körperlich mit einem Ortungs- und Überwachungschip im Körper zu versehen. Die meisten tragen ohnehin freiwillig diese Überwachungschips mit sich herum. Immer mehr Verbrechen werden durch DNA- oder Handyanalysen aufgeklärt. Es scheint, als könne sich bald keiner mehr irgendwie und irgendwo verstecken. Brandmelder, die in Neubauten zwingend vorgeschrieben sind, dürfen nicht abgeschaltet werden - und haben die Möglichkeit, verschiedene Daten und auch die Sprache aufzuzeichnen. Dazu kommen noch Autos, die zunehmend nur mehr fahrende Computer sind. Diese zeichnen ohnehin unser ganzes Bewegungsspektrum auf.

Der "gläserne Mensch" ist in einem Maß verwirklicht, von dem sich der gute alte Orwell keine Vorstellung machen konnte. Und wir brauchen dazu gar kein vordergründig kommunistisch-totalitäres System. Die meisten Menschen sehen im völligen Verlust ihrer Intimsphäre sogar noch eine Art von Fortschritt! Es ist ja so bequem, wenn eine Maschine die Sprache erkennt und Befehle befolgt. Dass dieser Roboter dann das Verhaltensmuster und auch die Kommunikation seiner "Besitzer" nach Silicon Valley oder gleich zur NSA weiterschickt, das scheint vielen Zeitgeistigen ziemlich egal zu sein.

Neusprech, Brot und Spiele

Viele sind auch nur allzu gerne bereit, die aktuelle Neusprache zu übernehmen. An den Universitäten darf nur mehr gegendert werden, sonst ist eine wissenschaftliche Arbeit nichts mehr wert. Die Zahl der verbotenen Worte ist Legion und fast keiner traut sich mehr Zigeuner oder gar Neger zu sagen. Das Binnen-I und Verbote für Formulierungen, welche die De-facto-Sprachpolizei nicht mag, pervertieren die Sprache. Es gibt kein zentrales "Wahrheitsministerium", dennoch ist die Geschichtsschreibung mit Vorsicht zu genießen.

Im Gegensatz zu Nordkorea, wo man Orwells Roman fast eins zu eins umgesetzt hat, wird bei uns noch immer eine Art von Scheinfreiheit vorgegaukelt. Das Volk erhält sein Opium in Form von Spielen aller Art, hemmungslosen Konsumräuschen und einer weitgehend substanzlosen Hyperkommunikation mit Computer, Tablet, Handy oder Ähnlichem. Doch dass es sich immer mehr zu einer gegängelten, manipulierten und unfreien Masse entwickelt, ist den meisten nicht bewusst. Es wäre höchste Zeit, aufzuwachen.

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