Daheim bei den Don Kosaken

Foto: beigestellt
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Professor Petja Houdjakov und seine berühmten Bolschoi Don Kosaken öffneten für alles roger? ihr Kosaken-Haus im niederösterreichischen Strasshof. In der wohl weltweit stimmstärksten Männer-WG mit lauter Opern-Solisten erfuhren wir alles über die Geschichte der Kosaken und ihre berührenden Lieder. Eine Home-Story mit Melodie.


Text: Martina Bauer

Die Männer sitzen in legerer Kleidung im Wohnzimmer verteilt. Den Blick fest auf den Dirigenten geheftet. Seine Hände sind immer in Reichweite zu den Klaviertasten. Ab und zu benutzt er sie auch. Immer wieder unterbricht er den Gesang, um auf Russisch neue Anweisungen zu geben.

Die Männer sind die berühmten Bolschoi Don Kosaken, die jeder nur in ihren Uniformen kennt. Der virtuose Dirigent ist Ivan Schalliev. "Jedes Lied hat seine eigene Atmosphäre und der Dirigent muss sie leben. Das ist eine Provokation für alle Sinne", sagt der Bulgare. Seit 30 Jahren gibt er den Takt vor - bereits wenige Jahre nach der Gründung durch Petja Houdjakov übernahm der ausgezeichnete Dirigent das Zepter.

Das Erbe von Sergej Jaroff

Wer kennt ihn nicht, den Chor der Don Kosaken von Sergej Jaroff (1896-1985) aus den alten Filmen? Und genau dem entsprangen die Bolschoi Don Kosaken und wurden sein Nachfolgechor. Petja Houdjakov übernahm Sergej Jaroffs Erbe und pflegt es bis heute. Obwohl bereits 83, singt der Professor noch immer, mit seiner unverkennbar rauchigen Stimme, in der all die Schwere sowie die Ausgelassenheit der russischen Lieder liegt.

Uns zu Ehren mischt er sich dann auch in die Probe seiner Kosaken und singt ein Lied. Man muss nicht Russisch verstehen und weiß trotzdem immer, wovon die Texte erzählen. Das ist das Geheimnis der Lieder der Kosaken, die in Russland berittene Soldaten waren. Vertrieben aus der Heimat, gründete Sergej Jaroff mit eben diesen Soldaten 1920 in einem Internierungslager den Don Kosaken Chor.

Früher waren es internierte Soldaten. Die Mitglieder von heute sind allesamt Akademiker und Opern-Solisten. So wie Oleg Korotkov, der an der Staatsoper in Prag singt. Kaum eine Solisten-Rolle, die der begnadete Bass dort noch nicht gesungen hat. Die Kosaken-Fans begeistert er zum Beispiel mit dem Lied Wolga Wolga. "Er ist mein Liebling. Momentan. Kann sein, dass es morgen ein anderer ist", sagt Houdjakov mit einem verschmitzten Lächeln und entlockt Korotkov damit einen Lacher. Auf die Frage warum er der Liebling ist, antwortet der Chef: "Weil er singt, wie er singt." So einfach ist das bei Chorleiter Petja Houdjakov, der selbst aus einer alten Kosaken-Familie stammt und zu dem kein Bewerber vorsingen kommen muss. "Ich höre das am Telefon, ob einer eine Stimme hat und zu uns passt", erklärt er gegenüber alles roger?. Ob er das absolute Gehör hat, verrät er nicht. Er zuckt nur mit den Schultern und lächelt.

Die Stimme Gottes

Über eine Stimme, die ebenso gut zu den Don Kosaken passt wie sie außergewöhnlich ist, verfügt Viacheslav Prutskikh. Wenn der Basso profondo, also der tiefe Bass, seinen imposanten Klangkörper zum Ertönen bringt, ist es so, als würde Gott höchstpersönlich seine Stimme erheben. Jeder Ton ein Gebet. Auf die Frage, ob er sie versichert hat, lacht der russische Hüne. Nein, hat er nicht. Könnte er aber, denn solche Stimmen gibt's nicht viele auf der Welt. Nur in Russland findet man ein paar mehr davon. Warum? "Das ist die Natur und die Geografie. So wie Italien seine Tenöre hat, haben wir Basso profondos", sagt Petja und lächelt. Selbst wenn Prutskikh nur spricht, vibriert alles rundherum. Muss man gehört haben! Er zählt mit seinen 45 Jahren zu den Jüngsten des Chors und ist dennoch bereits seit fast 20 Jahren dabei. Das Gleiche gilt für den 44-jährigen Tenor Dimitri Rozvizev, der ebenfalls Solist ist.

Die "Youngsters" wohnen, so wie die anderen Kosaken auch, während sie in Österreich sind, in Petja Houdjakovs Haus in Strasshof. Eine russische Männer-WG, wie man sie kaum wo findet. "Ich habe dieses Haus selber gebaut. Alles hier, von den Fliesen bis zur Holzdecke", sagt der Meister und macht eine weit ausladende Geste mit der Hand. Es beherbergt mittlerweile 30 Betten, verfügt über neun Toiletten und ebenso viele Badezimmer. Während der Konzertsaison ist das Haus voll belegt.

Es kochen Tenor und Bass

Einer von ihnen serviert uns Borschtsch, die russische Krautsuppe. War das der Koch? "Das war ein Tenor", sagt Houdjakov und fügt trocken hinzu: "Aber der Bass kocht auch." Es stellt sich heraus, dass vier der Chormitglieder kochen können. Der Rest hat Küchendienst. Immer zu zweit, abwechselnd. Geputzt wird selber. Reinigungshilfe gibt's keine. "Ich putze auch", sagt Petja Houdjakov in einem Ton, der einen diese Aussage nicht anzweifeln lässt.

Ohne perfektes Management geht aber gar nichts. Nicht im Haus und nicht auf der Bühne. Um das kümmert sich Valerie Houdjakov. Die Frau von Petja. Die gebürtige Tschechin ist Pianistin, Managerin, Organisatorin, Moderatorin der Konzerte, Sängerin, gute Seele und auf jeden Fall eine Frau mit stählernem Nervenkostüm. Ihr würde ein Orden gebühren. Die sammelt aber ihr Mann und präsentiert sie uns stolz. Einer davon ist sogar von Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Eine Auszeichnung reiht sich in der Glasvitrine an die andere. Auch Goldene Verdienstkreuze aus Österreich sind dabei. Dafür gibt's keinerlei Kulturförderungen.

Herzöffnung und Lebenswerk

Wir gehen weiter, in die Küche. Dort treffen wir auf Ljubomir Diakovski. Der lyrische Tenor ist so lange beim Chor wie Petja Houdjakov selbst. Damit ist er das längstgediente Mitglied. "Nicht das älteste", sagt er mit einem Augenzwinkern. Das ist ihm wichtig. Er singt Lieder wie Abendglocke, Ich bete an die Macht der Liebe oder Einsames Glöcklein. So wie die Lieder ist auch seine Stimme herzöffnend. Jede Melodie eine Streicheleinheit. Gesänge, die heilig sind. Dennoch ist lediglich Ich bete an die Macht der Liebe ein Kirchenlied. Die anderen Stücke sind wohl dem Heimweh nach Mütterchen Russland geschuldet.

Die Russen können aber auch beschwingt. Und wie! Dazu braucht's zwar keinen Wodka, aber Petja Houdjakov hat dennoch 80 verschiedene Flaschen in seinem Haus. Auch ein Potpourri, das sein Lebenswerk umspannt, trägt den Titel Noch ein Wodka, keine Träne. Aufgeführt wurde es erstmals im vergangenen Jahr im Metropol. Neben den Solisten der Don Kosaken waren auch Valerie und Tochter Alexandra, die ebenfalls Sängerin ist, mit dabei. Heuer könnte es ein Dacapo geben. Sämtliche Konzerte findet man unter www.bdk.at, wo man auch CDs und DVDs bestellen kann. Die Don Kosaken sind auch für private Feste oder Firmenfeiern zu buchen, ab drei Mann.

Freizeit in der Männer-WG

Die Probe ist vorbei. Die Interviews auch. Die Kosaken verstreuen sich im Haus. Manche gehen einkaufen, andere ziehen sich nach oben in ihre Zimmer zurück. Russisches Fernsehen, Computer, Schlafen, Badminton spielen - all das ist jetzt an der Reihe. Was man halt so macht in einer Männer-WG, wenn grad mal sonst nichts zu tun ist. Das war übrigens der einzige freie Tag im ganzen konzertreichen Dezember ... Danke dafür!

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