Gefährlicher Gipfelsturm - Stau am Mount Everest

Foto: shutterstock.com
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Den höchsten Berg der Welt zu besteigen, davon träumen Hochalpinisten und Hobby-Bergsteiger gleichermaßen. Viele bezahlen diesen Wunsch mit ihrem Leben, denn auf dem Weg nach oben herrscht Stau in der Todeszone. Der Wahnsinn am "Sehnsuchtsberg" Mount Everest kostete heuer bereits elf Menschen das Leben.


Text und Interview: Regina Zeppelzauer

Immer mehr Bergsteiger die auf den Gipfel wollen, immer mehr Genehmigungen für den Aufstieg - obwohl 20 Routen auf den höchsten Berg der Welt führen, sind nur zwei wirklich "massentauglich". Die Nordroute aus Tibet und die Südroute von Nepal aus. Dazu kommt das knappe Zeitfenster von Ende April bis Ende Mai, wo das Wetter passt und eine Besteigung des Mount Everest überhaupt möglich ist. Das hat zur Folge, dass hunderte Menschen zur selben Zeit aufbrechen und der Andrang Richtung Gipfel zum Chaos in der Todeszone - der Höhenbereich über 7.000 Meter, in dem bei einem längeren Aufenthalt das Überleben ziemlich unwahrscheinlich ist - führt. 

Massentourismus und Müll

Es ist ein teurer Weg zum Dach der Welt. Die durchschnittlichen Kosten für einen Aufstieg liegen bei 50.000 bis 60.000 Euro - Flug und Sherpas inklusive. Insgesamt sechs bis acht Wochen verbringt ein Bergsteiger im Gebiet, gewöhnt sich durch regelmäßige Auf-und Abstiege an die Höhenluft. Im südlichen Basislager auf 5.350 Metern wird derweil für Unterhaltung gesorgt. Tagestouristen werden mit Helikoptern eingeflogen, es gibt Champagnerfrühstück am Fuße des Mount Everest. Der Wahnsinn lässt grüßen, denn immer mehr Menschen bedeuten auch immer mehr Müll. Über 1.000 Leute, erfahrene Alpinisten, Möchtegern-Bergsteiger und Sherpas, warten in der Zeltstadt auf den Gipfelsturm. Die "Hinterlassenschaften" der Bergsteiger - Sauerstoffflaschen, Dosen, kaputte Ausrüstungsgegenstände und Klopapier in den Lagern, sorgen für ein gewaltiges Müllproblem. Bis in die späten 80er-Jahre wurden bis zu 14.000 Kilo Müll pro Saison am Everest "vergessen". Heute sind Bergsteiger, die über das Base-Camp hinaus aufsteigen, verpflichtet, acht Kilo Müll auf ihrem Rückweg zu sammeln und mitzubringen. Trotzdem liegt auf dem Weg nach oben noch immer genug davon. 

Grenzenloses Gipfelglück

Für diese Saison wurden 381 Gipfel-Lizenzen ausgestellt, so viele wie nie zuvor. Etwa vier Millionen Euro nimmt Nepal alleine damit ein. Kritiker beklagen, dass es inzwischen im Basis-Lager von zwar zahlungskräftigen, aber ahnungslosen Gipfelstürmern nur so wimmle. Auch einer der erfolgreichsten Extrembergsteiger unserer Zeit, Hans Kammerlander warnt davor, dass zu viele Genehmigungen ausgegeben werden und viele dieser Leute gar nicht geeignet sind, den Everest zu besteigen. Dass der Weg zum höchsten Gipfel der Welt kein Spaziergang ist, erfahren viele Bergsteiger am eigenen Leib. Erfrorene Finger oder Zehen sind keine Seltenheit. An den wenigen, wetterbegünstigten Tagen stauen sich an den mit Fix-Seil gesicherten Stellen die Aufstiegswilligen viele Stunden lang. Ein Umstand, der in der über 8.000 Meter liegenden Zone schnell tödlich enden kann. Ab einer Höhe von 7.000 Metern wird das Blut nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt, es kommt zu Verwirrung, Kopfschmerzen und Sinnestäuschungen. 

Stau am Dach der Welt

Gefährlich wird es, wenn zu viele Menschen in kurzer Zeit nach oben wollen. So wie heuer, wo sich am 22. Mai, nach dem Ende einer Schlechtwetterphase, 200 Menschen auf den Weg zum Gipfel gemacht haben. Stundenlang mussten die Bergsteiger in der Schlange auf dem schmalen Grad im Gipfelbereich ausharren. 

Generell gilt: Wer es bis hinauf schafft, sollte auch den Rückweg im Auge behalten. Viele sind einfach zu langsam, die meisten sterben dann an Erschöpfung. In der Saison 2019 sind bereits elf Menschen am Mount Everest ums Leben gekommen.  

Insgesamt haben etwa 8.400 Bergsteiger den Gipfel des Mount Everest seit der Erstbesteigung durch Sir Edmund Hillary und den nepalesischen Bergsteiger Tenzing Norgay im Jahr 1953 erreicht, über 300 Bergsteiger kamen dort ums Leben. Eine Bergung der Toten ist teuer und gefährlich, deshalb kommt man auf dem Weg nach oben öfters an gefrorenen Leichen vorbei. Manche dienen auch als Wegmarkierung, so wie einst "Green Boots", so genannt wegen der neongrünen Bergschuhe eines Verunglückten. Trotzdem bleibt der ewig faszinierende und höchste Berg der Welt, der Mount Everest, ein Traumziel vieler Bergsteiger - und für manche ein lebensgefährlicher Sehnsuchtsort.


"Mit Alpinismus hat das nichts mehr zu tun!"

Dem Südtiroler Extrembergsteiger Hans Kammerlander ist der boomende Tourismus im Himalaya-Gebiet ein Dorn im Auge. Im alles-roger?-Interview äußert er sich besorgt über den Wahnsinn am Mount Everest.

Die Bilder gingen um die Welt - Stau am Mount Everest, 300 Menschen an einem Tag, die den Gipfel besteigen wollen. Offensichtlich versuchen immer mehr "Halbschuhtouristen" den höchsten Berg der Welt zu bezwingen. Können Sie das verstehen. 

Die Situation am Everest eskaliert schon seit Jahren. Es werden viel zu viele Genehmigungen ausgegeben. Der Alpinismus auf der Normalroute hat sich zum Tourismus hin entwickelt, der Berg wird mit Fix-Seilen präpariert und in Ketten gelegt.

Hat das überhaupt noch mit Bergsteigen zu tun für Sie?

Mit Alpinismus hat das nichts mehr zu tun ...

Angeblich soll es demnächst auf chinesischer Seite eine Auto-Straße ins Basislager am Mount Everest geben, ein Indiz für noch mehr Touristen, noch mehr Menschen mit geringer bis keiner Bergerfahrung ... Stimmt das?

Auf der chinesischen Seite gibt es schon seit über 20 Jahren eine Straße, die bis zum Basislager des Mount Everest führt. Mit Jeeps und Kleinlastern ist das Basislager gut zu erreichen ...

... das bedeutet für die weitere Zukunft?

Auch solche Aktionen führen dazu, dass immer mehr Menschen zum höchsten Berg der Welt wollen. 

Bergtourismus um jeden Preis - Wie kann man die Berge "retten"? Sollte es Beschränkungen geben für Besteigungen? 

Das hängt von der Exponiertheit der Berge ab, aber eine Beschränkung der Genehmigungen ist die einzige Möglichkeit, die Berge zu retten.

Sehen Sie Auswirkungen des Klimawandels auf das Himalaya-Gebiet?

Der Gletscherrückgang ist auch an den höchsten Bergen der Welt zu erkennen.

Ist der Mount Everest durch den Verlust des Hillary-Step "leichter" zu begehen?

Der Hillary-Step ist ja nicht komplett abgebrochen, sondern nur ein minimaler Teil, deshalb hat sich die Schwierigkeit des Berges nicht wesentlich verringert.

Sie haben Ihre Besteigungen oft alleine unternommen, waren immer sehr schnell unterwegs. Wie gefährlich sind solche Solo-Touren?

Das hängt immer auch davon ab, wie gut die Vorbereitung ist. Ein hohes Restrisiko ist aber immer dabei, damit muss man leben.

Sie waren der erste Mensch auf allen Second Seven Summits, die als schwieriger zu besteigen gelten als die Seven Summits und haben auch sonst legendäre Erstbesteigungen und Alleingänge unternommen. Gäbe es überhaupt noch einen Berg zu besteigen für Sie?

Mich interessieren jetzt mehr Gebiete, in denen ich noch nie unterwegs war. Die Berge sind nicht mehr das Ein und Alles, so wie es früher war, sondern auch das Rundherum, die Natur, die verschiedenen Kulturen, die Menschen. Ein Gebiet, das mich reizt, ist die Cordillera Blanca, dort war ich noch nie.

Welche Projekte haben Sie noch in Planung?

Ideen habe ich einige, aber die Planung ist noch nicht so weit, um sie mitteilen zu können.

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