Teil 2: Die Flucht

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Ein Fortsetzungsroman von Andrea Fehringer & Thomas Köpf

Als Amelie die Augen aufschlug, sah sie, dass sie an einen Stuhl gefesselt war. Die Handgelenke und auch die Füße auf Höhe der Knöchel waren mit Kabelbindern festgezurrt. Amelie war benommen und musste sich erst orientieren. Sie war in ihrem Haus. Gefangen. Konnte sich nicht bewegen. Das Licht brannte, es war Abend. Ein Fremder mit Glatze stand in ihrem Wohnzimmer. Er trug einen grauen Anzug mit grauer Krawatte und legte silberne Instrumente auf einem Beistelltisch auf.

»Wo ist der Eismann?«, fragte er.

»Ich … wer … wieso?«

»Hat der Eismann die Phiole?«

»Wie … ich weiß nicht … was –«

Er schlug ihr mit der flachen Hand ins Gesicht. »Dein Mann hat ein Attentat auf den Gesundheitsminister verübt. Ist schiefgegangen. Gastbauer lebt. «

Amelie bekam kaum Luft. Sie zitterte am ganzen Körper. Noch nie im Leben hatte sie Angst so stark verspürt. Das war kein Albtraum, das war real. Sie hatte keine Ahnung, wovon der Irre sprach.

»Die Sache läuft folgendermaßen ab. Das ist eine Ahle. Schuhmacher verwenden sie, um Löcher in Leder zu stechen oder vorhandene Löcher zu weiten.«

Er führte das Werkzeug zu ihrem rechten Auge. Es hatte einen Holzgriff, der Metallstift war zehn Zentimeter lang, vorne spitz zulaufend und am Ende sichelförmig gebogen.

»Mit der Ahle erziele ich sehr gute Ergebnisse«, sagte der Fremde. »Jeder Folterexperte hat seine Spezialgebiete.« Er machte eine Pause, damit sie verstand, worum es hier ging. »Manche konzentrieren sich auf die Genitalien oder die Fußsohlen. Mein Fokus liegt auf den Augen.«

»H-hören Sie«, stotterte Amelie. Die Panik schnürte ihr die Kehle zu. »Ich tue alles, was Sie s-sagen. Aber bitte. Bitte tun Sie mir nichts.« Sie schluchzte.

»Dein Mann ist ein Killer. Weißt du das eigentlich?«

Sie schüttelte den Kopf. Eine braune Strähne legte sich über ihr schweißnasses Gesicht. »Sie verwechseln mich. Ich heiße Amelie Schatten. Ich bin Malerin. Sie sind im falschen Haus.«

Er nickte ruhig. »Wo ist die Phiole.«

»Was für eine –«

»Ich zähle jetzt bis zehn. Wenn du mir bis dahin nicht sagst, wo die Phiole ist, beginne ich mit deinem rechten Auge. Ich werde den Sehnerv freilegen.«

»Hören Sie –«

»Eins.«

»Ich habe nicht den geringsten –«

»Zwei.«

»Bitte. Hören Sie. Ich werde nichts von dem hier erzählen. Niemandem. Ich schwöre es.«

»Drei.«

»Aus! Warten Sie.«

»Vier.«

»Hören Sie, mein Mann kommt bald nach Hause. Er wird jeden Moment da sein.«

»Fünf.«

»Sie können das nicht tun. Ich –«

»Sechs.«

»Wovon reden Sie. Attentat. Eis. Phiole. Ich schwöre bei Gott, dass ich nicht weiß, was das soll.«

»Sieben.«

»Wieso tun Sie das.« Amelie keuchte.

»Acht.«

»Halt, Stopp. Das –«

»Neun. Ich frage zum letzten Mal. Wo ist die Phiole.« Der Glatzenmann führte die Ahle zu ihrem rechten Auge, ein Millimeter bis zur Pupille.

In dem Moment explodierte die Welt in einem grellen Blitz.

_____

Felix Schatten hatte es vermasselt. Die Sache mit Minister Gastbauer war ein einziges Schlamassel. Er hatte ihn verfehlt. Verdammt noch einmal, wie konnte das passieren. Ihm, gerade ihm. Dem Eismann.

Der Direktor der Internationalen Organisation für Sonderoperationen, kurz IOS, hatte ihm den Spitznamen gegeben, weil er für seine Einsätze ein Spezialgewehr mit Eisprojektilen verwendete. Felix führte ein Doppelleben. Er war Profikiller. Und Ehemann. Amelie dachte, er würde für eine Beratungsfirma arbeiten. Im weitesteten Sinn stimmte das auch. Die IOS wurde von Regierungen hinzugezogen, wenn globale Gefahren drohten. Als sehr aktive Berater. Die Sache mit BioPharm hatte ihn auf den Plan gerufen. Felix war eingeschaltet worden, weil man befürchtete, dass der österreichische Gesundheitsminister Alfred Gastbauer und Claus-Jürgen Badewitz, der Vorstandsvorsitzende von BioPharm, ein Serum auf den Markt bringen wollten. Europaweit. Einen Wirtstoff gegen eine Krankheit, die es noch gar nicht gab.

Das Fleischfieber.

Es ging um rund drei Milliarden Euro, und bei so einer Größenordnung nahm man achtzigtausend Todesopfer, grob geschätzt, in Kauf. Kollateralschäden im Krieg um das Kapital. Felix’ Auftrag war, den Ausbruch das Virus zu verhindern. Ein Killer bringt einen um, um das leben von Achtzigtausend zu retten. Auch Mörder sind menschenfreundlich. Bloß war alles schiefgegangen. Er musste sich beruhigen, neu planen, anders rangehen an die Sache. Der Anschlag war misslungen und der Überraschungsmoment beim Teufel. Jetzt würden sie wissen, dass er es war.

Der Abend hatte sich über Wien gelegt wie ein Seidenschleier über eine Witwe. Felix sah sein Haus in Sievering, die Flemminggasse war kurz, und wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Die Eingangstür war offen. Er schlich sich von der Seite an, kam gebückt im Schutz der Thujen näher und spähte durchs Wohnzimmerfenster. Ein fremder Mann. Amelie. Gefesselt. Wieso tun Sie das. Sie schluchzte. Keuchte. Wimmerte.

Felix knallte seinen Koffer auf den Rasen, in dem sich seine Ausrüstung befand. Das Präzisionsgewehr und die Waffen für den Nahkampf. Jede Bewegung lief mechanisch ab. Er nahm die Heckler & Koch, lud durch, griff zu einer Blendgranate, zog den Stift und warf sie durchs geschlossene Fenster. Das Glas zerbarst in Stücke, und als der weiße Blitz die Welt explodieren ließ, hatte Felix schon die Schutzbrille aufgesetzt. Durch die gezackten Scherben hechtete er waagrecht ins Haus. Im Flug schoss er fünfmal, ein Projektil traf den Glatzenmann am Ohr. Er schrie auf. Hielt sich die linke Hand vor die Augen, weil ihn das brennende Magnesium der Granate vorübergehend geblendet hatte. Mit der anderen Hand stach er um sich. Felix trat ihm gegen den rechten Arm, worauf er die Ahle losließ. Er fasste den Glatzenmann von hinten am Hals, nahm ihn in den Würgegriff und drehte den Kopf ruckartig zur Seite, bis man ein Knacken hörte. Schlaff sank er zu Boden.

Felix rannte zu Amelie und schnitt die Kabelbinder auf. »Bist du verletzt?«

Sie blinzelte. »Schatz!«

Er umarmte sie, hielt sie fest. Sie konnte gar nicht aufhören zu zittern. Sagte nur Halbsätze, Wortfetzen. »Er wollte mich. Ich wusste nicht. Hat mir nicht geglaubt. Immer gefragt. Eine Phiole. Die Augen. Er wollte mir. Ich. Alles so furchtbar. Sterben.«

»Schhh.« Er versuchte, sie zu beruhigen. »Alles wird gut. Es ist vorbei. Keiner tut dir was. Ich bin hier.«

Sie stieß ihn weg. Sah seine Waffe im Hosenbund stecken. »Was ist hier los.«

»Bitte setz dich hin, Amelie. Wir müssen reden. Die Dinge sind nicht so, wie sie scheinen.«

Sie sah ihn an mit großen Augen.

Er schluckte. »Ich bin nicht der, für den du mich hältst.«

Nach dreizehn Jahren Ehe erfuhr Amelie Schatten, dass ihr Mann ein Spion war. Dass er siebzehn Menschen auf dem Gewissen hatte, sagte er nicht; das konnte noch warten. Er wollte sie nicht überfordern.

»Wir müssen sofort von hier weg«, sagte er.

»Wie meinst du das?«

»Nimm, was du tragen kannst.«

Sie legte die Stirn in Falten. Felix ging zu dem nachgemachten van Gogh, der an der Wand hing, ein Selbstporträt, schob es zur Seite. Dahinter lag ein Safe, den Amelie noch nie gesehen hatte. Felix gab einen siebenstelligen Code ein, die Tür öffnete sich mit einem Schnaufen. Er nahm etwas heraus.

Eine Phiole.

Amelie stand auf. »Was –«

Er kam zu ihr, hielt ihre Wangen mit beiden Händen und sah ihr tief in die Augen.

»Amelie, hör mir gut zu. Das Leben, das du bisher geführt hast, gibt es nicht mehr.«

_____

Am Flughafen Charles de Gaulle, Terminal eins, herrschte die übliche Geschäftigkeit unter Reisenden. Ein Mann in Jeans und braunem Sakko zog einen Trolley hinter sich her. Er hatte einen modischen Bart und sah aus wie ein Tennislehrer. Eine Japanerin stand vor einer Schulklasse und erklärte den Kindern, wo sie einchecken sollten. Eine vollbusige Frau in einem roten Kleid stelzte auf Stöckelschuhen Richtung Duty Free. Eine Durchsage. Mister Freeport, bitte melden Sie sich bei der Information.

Der Mann mit dem braunen Sakko blieb stehen und kramte in seinem Trolley. Er holte ein dickes Buch hervor. Klappte es auf. Das Buch hatte innen eine Ausbuchtung, in der ein Fläschchen versteckt war. Der Mann zog Handschuhe an, obwohl Sommer war. Er öffnete das Fläschchen. Ließ die Flüssigkeit auf den Wartesitz tropfen. Dann drehte er sich um und verließ die Halle. Das Fleischfieber würde sich seinen Weg ganz von alleine suchen. Paris, Stadt der Liebe. Ein Plakat zeigte den Eiffelturm.

Hier würde es beginnen.

»Au revoir«, sagte François Leblanc, der Pilot des Flugs OS sieben-null-zwei-vier, ins Handy. Da wusste er noch gar nicht, dass er seine Frau nie wieder sehen würde.

Fortsetzung folgt »»

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