Ein endloser Kampf um Unabhängigkeit

Foto: C. Messier
Foto: C. Messier

Zuerst Volksabstimmung, dann Unabhängigkeitserklärung: Katalonien will offensichtlich weg von Spanien. Die spanische Zentralregierung ging mit aller Härte gegen "ihre" Provinz vor, woraufhin der katalanische Regierungschef Carles Puigdemont nach Belgien flüchtete. Der Historiker Helmut Neuhold beleuchtet die Geschichte Kataloniens.


Die spanische Zentralregierung tut momentan alles, um die Unabhängigkeit Kataloniens zu verhindern. Dabei schreckt sie auch vor Gewalt nicht zurück, wie die Ereignisse beim Unabhängigkeitsreferendum gezeigt haben. Durch die Haftbefehle gegen die gewählte Regierung Kataloniens zeigen die spanischen Machthaber in Madrid - ähnlich wie die Brüsseler Nomenklatura -, dass sie in dem Fall auf demokratische Entscheidungen pfeifen.

Doch der Kampf um Freiheit und Eigenständigkeit begleitet das katalanische Volk schon rund zwei Jahrtausende. Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung war Katalonien zuerst von den Keltiberern bewohnt. Dann balgten sich Phönizier, Karthager, Griechen und Römer um die iberische Halbinsel. Schließlich trugen die Römer den Sieg davon. Somit wurde das Gebiet des heutigen Kataloniens genauso wie der Rest der spanischen Halbinsel Teil des Römischen Imperiums und die unterworfenen Keltiberer wurden romanisiert. Unter Augustus (63 v. Chr. - 14 n. Chr.) entstand die Provinz "Hispania Tarraconensis" - mitsamt dem Gebiet des heutigen Kataloniens. Jahrhunderte eines gewissen Wohlstands und einer weitgehenden Friedenszeit folgten. Das Christentum breitete sich rasch aus, vor allem je mehr es im Römischen Reich ab dem dritten Jahrhundert bergab ging.

 Barbaren und Vandalen

In der Folge kam es auch im heutigen Katalonien zu Invasionen von Barbaren und einem wirtschaftlichen und kulturellen Niedergang, bei dem die Bevölkerung stark abnahm. Die "Tarraconensis" wurde in vier kleinere Provinzen unterteilt und die Kaiser Diokletian und Konstantin versuchten, den Verfall zu stoppen. Doch Anfang des fünften Jahrhunderts drangen fremde Invasoren wie die Vandalen, Alanen und Sueben in das Land ein, ehe sich die Westgoten als römische "Verbündete" niederließen. Nachdem sie die Sueben besiegt hatten, gründeten diese dann das spanische Westgotenreich, zu dem auch das heutige Katalonien gehörte. Nach der weitgehenden Eroberung der spanischen Halbinsel durch die Mohammedaner ab 711 sollte sich das Erbe der Westgoten besonders im Gebiet Kataloniens weiter halten, was zu einer gewissen kulturellen Eigenständigkeit führte.

 Mittelalter: Freiheit und Blüte

Die Eindringlinge aus Nordafrika konnten schließlich auch das heutige Katalonien erobern, doch 778 erschienen die Franken unter Karl dem Großen. Nach heftigen Kämpfen gründeten diese die "Spanische Mark" und katalanische Grafen konnten sich gegen die arabischen Eindringlinge behaupten. Ab dem 11. Jahrhundert drängten die Grafen von Barcelona die Mauren zurück und eroberten 1153 Katalonien gänzlich wieder zurück und beherrschten es danach. Durch eine dynastische Heiratspolitik verschiedener Fürstenhäuser entstand in der Folge der Herrschaftsbereich der "Krone Aragoniens", in dem Katalonien einen wesentlichen Bestandteil darstellte. Dieser Staat wurde im Hoch- und Spätmittelalter die stärkste Macht im Raum des westlichen Mittelmeers.

 Ab 1714 rechtlos

Nach der Heirat von Ferdinand von Aragonien und Isabella von Kastilien - der "Katholischen Könige" - 1469 wurde die Rückeroberung der spanischen Halbinsel abgeschlossen und die beiden Länder (Aragonien und Kastilien) bis 1504 in Personalunion beherrscht. Katalonien galt aber weiterhin als politisch eigenständiges staatliches Gebilde. Unter den spanischen Habsburgern als Erben der "Katholischen Könige" kam es zu mehr Zentralismus, der nun vom kastilischen Kerngebiet ausging. Das führte letztlich zu einer gewissen Erbitterung und nachdem sich 1640 Portugal von der spanischen Herrschaft befreien konnte, versuchte auch Katalonien beziehungsweise Aragon, wieder unabhängig zu werden.

Nach seiner Niederlage gegen Frankreich musste Spanien Nordkatalonien an den Sieger abtreten, aber der Rest Kataloniens verblieb den Spaniern. Die nächste Gelegenheit zur Abspaltung Kataloniens bot sich im Spanischen Erbfolgekrieg von 1700-1713, bei dem die Katalanen den Habsburger Karl (später Kaiser Karl VI.) unterstützten. Doch dabei setzten sie aufs falsche Pferd und wurden nach ihrer militärischen Niederlage der gesamten Eigenständigkeit beraubt. Die stolzen Katalanen waren ab 1714 nur mehr als Bewohner einer von vielen spanischen Provinzen ohne besondere Rechte.

 Franco-Diktatur als Tiefpunkt

In der spanischen Zweiten Republik erhielt Katalonien 1931 eine gewisse Autonomie und Selbstverwaltung, die jedoch nur bis zum blutigen Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) währen sollte. Unter dem Diktator Franco wurde die katalanische Sprache und Kultur massiv unterdrückt und der Herrschaft der Kastilier unterworfen. Erst nach dem Tod Francos erhielt Katalonien 1977 wieder eine gewisse Autonomie und 1979 ein diesbezügliches Statut. National-katalanische Bewegungen bekamen immer mehr Zulauf und der Ruf nach Freiheit und Unabhängigkeit der "katalanischen Nation" wurde immer stärker. Einige politische Parteien begannen gegenüber Madrid immer mehr Forderungen zu stellen.

2006 bekam Katalonien ein neues Autonomiestatut mit noch mehr Kompetenzen gegenüber der Zentralregierung in Madrid, doch seit 2010 wurde immer mehr die Forderung nach einer staatlichen Unabhängigkeit laut. Die Bevölkerung Kataloniens spaltete sich immer mehr in Befürworter und Gegner eines eigenen Staates. Die Parlamentswahlen von 2015 brachten eine Regierungskoalition ans Ruder, die stark separatistisch ausgerichtet ist. Heuer ließ sie eine Volksabstimmung abhalten und erklärte die Unabhängigkeit.

 "Spanien raubt uns aus"

Ein wichtiger Aspekt des Erfolges der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung ist ein wirtschaftlicher: "Espanya ens rob!" ("Spanien raubt uns aus!") ist ein wesentliches Schlagwort. Es geht den (kastilischen) Spaniern nicht nur um den Verlust einer Provinz, sondern ums große Geld. Seit vielen Jahren ist Katalonien - genauso wie das Baskenland - die "Cashcow" der wirtschaftlich wenig erfolgreichen spanischen Mehrheitsbevölkerung. Die Wirtschaftsleistung Kataloniens beläuft sich pro Kopf der Bevölkerung auf 28.590 Euro gegenüber 24.100 Euro bei den Spaniern. Die Verschuldung pro Kopf in Katalonien beläuft sich auf 10.092 Euro gegenüber 23.791 Euro in Spanien, auch ist die Exportquote Kataloniens viel höher und die Armutsgefährdung viel geringer als jene von Gesamtspanien.

 Selbstbestimmungsrecht

Die Bürokratie ist in Katalonien weniger drückend als in Gesamtspanien, Infrastruktur und Bildungswesen sind besser. Die Katalanen sehen sich selbst als die "Deutschen Südeuropas". Dem gibt auch die Ansiedlung vieler großer ausländischer Firmen recht. Wie auch immer man zur Unabhängigkeit Kataloniens steht: Laut dem Selbstbestimmungsrecht der Völker ist diese durch internationale Gesetze gedeckt.

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