Unser Verhältnis wurde durch den Unfall enger

Foto: beigestellt
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Heinz Kinigadner ist ein absoluter Weltstar in der Motocross-Szene. Er holte mehrere Weltmeistertitel, gewann die Rallye Paris-Dakar mit anschließender Disqualifizierung, die Pharaonen-Rallye, die Rallye Paris ? Peking sowie die Atlas Rallye. Was Kinigadner immer auszeichnete war sein eiserner Wille und sein Kämpferherz. Genau diese Eigenschaften hat auch sein Sohn Hannes, der seit 2003 nach einem Motocross-Unfall querschnittsgelähmt ist und sich ins Leben zurückgekämpft hat. Wir baten Vater und Sohn zum Doppel-Interview.


Interview: Roland Hofbauer

Wie weit hat sich Ihr Leben nach dem Unfall verändert? Wie war es zu Beginn, wie kommen Sie jetzt klar?

Heinz: Unser Leben hat sich mit der hohen Querschnittslähmung meines Sohnes natürlich gravierend verändert. Eigentlich gibt es nur noch eines das wirklich wichtig ist, nämlich, dass es dem Hannes irgendwann besser geht! Der Sport, den wir so sehr lieben, der uns so viel Positives beschert hat, hat uns auch eine ganz schlimme Seite gezeigt.

Hannes: Mein Leben änderte sich natürlich auf einen Schlag. Am Anfang kämpfte ich ums Überleben und danach darum, wieder so fit wie möglich zu werden. Dann sah ich die Welt natürlich mit anderen Augen. Auch als wir nach Hause kamen, gab es im Haus Hürden, die ich vorher nicht sah. Ich kam nicht mehr selbst ins Bett, konnte mich nicht mehr selbst anziehen. Es war einfach nicht mehr dasselbe Leben.

Hat sich Ihr Verhältnis zueinander verändert, wenn ja inwiefern?

Heinz: Das Verhältnis zwischen meinem Sohn und mir war immer gut. Es wurde mit dem Unfall aber noch um ein Vielfaches enger.

Hannes: Stimmt, wir hatten immer ein gutes Verhältnis. Mein Vater war allerdings viel unterwegs. Seit meinem Unfall machen wir auf jeden Fall mehr gemeinsam. Das hat uns sowie die ganze Familie noch viel mehr zusammengeschweißt.

Gibt man bei so einem Schicksalsschlag dem Sport die Schuld, Gott oder jemand anderem? Wie geht man damit um?

Heinz: So etwas zu ertragen ist nicht einfach, aber einen Schuldigen zu suchen, das bringt nix. Wir haben so schnell wie möglich versucht nach vorne zu schauen.

Hannes: So eine Frage stelle ich mir gar nicht. Das finde ich sinnlos. Es hätte auch jeden anderen treffen können. Ich glaube, es war einfach Pech.

Wie ist Ihr Umfeld, Ihre Familie mit dem Unfall umgegangen und zurechtgekommen?

Heinz: Mein Bruder ist ja bereits seit 1984 im Rollstuhl; vielleicht konnten wir deshalb etwas besser mit der Situation umgehen. Ich würde sagen, dass wir als Familie noch mehr zusammengewachsen sind.

Hannes: Es war auch für meine Familie nicht leicht und auch die Interessen von allen Familienmitgliedern haben sich geändert. Meine Mutter zum Beispiel interessiert sich nun sehr stark für Naturheilkunde. Mein Vater hat nach meinem Unfall Wings for Life gegründet. Meine Freunde zu Hause haben mich wieder gut aufgenommen und es sind durch den Unfall sogar neue dazugekommen.

Wie kam die Idee für Wings for Life und mit wessen Hilfe konnte das Projekt realisiert werden?

Heinz: Ich wollte nach dem Unfall nicht akzeptieren, dass die Medizin schwere Rückenmarksverletzungen noch nicht heilen kann. Dietrich Mateschitz und ich haben Expertenmeinungen eingeholt. Dabei wurde klar, dass es eine berechtigte Hoffnung auf eine Heilung gibt. Verletzte Nerven sind auch im Rückenmark zur Regeneration fähig. Das veranlasste uns dazu, die Stiftung Wings for Life zu gründen und die Rückenmarksforschung voranzutreiben.

Was sind die bisherigen Erfolge von Wings for Life und wie kann man diese Hilfe in Anspruch nehmen?

Heinz: Seit der Gründung hat Wings for Life 191 Forschungsprojekte weltweit finanziert. Auch wenn derzeit noch keine Heilung möglich ist, werden stetig Fortschritte erzielt. In der Schweiz zum Beispiel findet gerade eine beeindruckende Studie statt. Drei inkomplett Querschnittsverletzte können dank Elektrostimulation und intensivem Reha-Training ihre Muskeln wieder willentlich bewegen. Wir sind auf einem guten Weg.

Hannes: Es gibt schon länger gute Ansätze und Projekte mit zum Beispiel Wachstumsfaktoren, Stammzellen und so weiter. Es kommen allerdings auch immer wieder sehr interessante dazu, wie eben das mit der epiduralen Stimulation. Meiner Meinung nach wird sich hier in der nächsten Zeit noch viel bewegen und ich bin überzeugt, dass ich dadurch dann auch wieder irgendwann auf meinen eigenen Beinen stehen werden kann. Hoffentlich früher, als später!  

Wie sieht Ihre berufliche Kompetenz aktuell aus, was sind Ihre Aufgabengebiete?

Heinz: Ich bin noch immer bei KTM als Berater im Sport tätig und kann dadurch sehr viele Rennveranstaltungen mit Hannes besuchen. Hinzu kommen weitere Beschäftigungen.  

Hannes: Ich kümmere mich zurzeit vorrangig gemeinsam mit meiner Schwester um unsere Bekleidungsmarke Kini Red Bull, wo wir Freizeit- und Motorradbekleidung vertreiben.

Kann man mit einer Querschnittslähmung ein ganz normales Leben führen, mit Familiengründung und allem was dazu gehört?

Heinz: Jede Querschnittslähmung ist anders, und auch den Umgang damit kann man nicht pauschalisieren. Je höher die Verletzung ist, desto schlimmer ist man beeinträchtigt. Es gibt Verletzte, die können bis zu einem gewissen Grad ein ,normales? Leben führen. Andere wiederum sind 24 Stunden am Tag auf Hilfe angewiesen oder müssen sogar beatmet werden.

Hannes: Das kann man nicht so verallgemeinern. In der Regel wird das Leben aber nicht mehr so ,normal? wie vorher sein, da man auch vor ganz andere Aufgaben gestellt wird. Möglich ist alles, aber es braucht mehr Planung. Alleine wenn man an Kinder denkt. Hier wäre ich ohne meine Handfunktion zum Beispiel beim Windeln wechseln keine große Hilfe. Ich weiß allerdings auch nicht, ob ich das mit dem Windeln wechseln ohne meine Querschnittverletzung überhaupt hinbekommen würde. (Fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu, Anm.d.Red.)

Wie kann man Sie und die Stiftung unterstützen?

Heinz: Man hat die Möglichkeit, direkt auf unserer Webseite www.wingsforlife.com zu spenden, oder eine Aktion oder Veranstaltung für uns zu organisieren. Eine ganz einfache Möglichkeit ist es, beim Wings for Life World Run am 5. Mai teilzunehmen. An diesem Tag laufen wir für alle, die nicht mehr laufen können. Entweder an einer Location oder mit der App. Alle Infos dazu gibt es unter www.wingsforlifeworldrun.com

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